Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Sonne und Zeit

Die Zeit zerrinnt/ im Augenblick/ das Geringste wird/ der größte Tyrann/ eine Qual für frische Wunden/ Lächeln und Versprechungen/ für etwas Anderes. Dieses Andere/ ist was wir leben jeden Moment/ im Glauben, ein anderes Leben zu führen/ doch das Andere gibt es nicht./ Wir sind selbst unser Schicksal/ das verstohlen uns anschaut Sphinx/ die ihr Rätsel vergaß./ Uns bleibt nichts zu erraten./ Es gibt kein Rätsel/ es gibt keine Flucht aus dem Kreis Feuerkreis/ der Sonne und des Tods. (1) Mikis Theodorakis

Der griechische Komponist, Dichter, Schriftsteller, Kommunist, Partisan, Politiker Mikis Theodorakis (*1925) schrieb den Zyklus O Ilios kai O Chronos (Sonne und Zeit), aus dem dieses Gedicht stammt, im Jahr 1967, das spielt offenbar keine Rolle, denn diese Verse sprechen zu mir, jetzt, im April 2021, als wären sie gerade erst entstanden … Der Glaube, ein anderes Leben zu führen scheint mir schon lange allgegenwärtig zu sein, denn immer wieder ließen und lassen wir uns sagen, was es angeblich braucht, um glücklich zu werden, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit wir ein wert-volles Mitglied der Gesellschaft sein können; außerhalb von uns wird entschieden, was richtig, was erstrebenswert ist und so trimmen wir auch unsere Kinder in die entsprechenden Richtungen.

Doch seit 1 Jahr werden die Karten neu gemischt, alle ökonomisch-utilitaristisch geprägten westlichen Werte stehen auf dem Prüfstand, unumstößlich sicher gewähnte Bedingungen kippen, das Andere zeigt sich als Illusion. Das einzige wiederum, das in jedem Leben auf jeden Fall und ohne Ausnahme passieren wird, ist, dass der Mensch irgendwann stirbt. Diese einzige absolute Sicherheit haben wir verdrängt, tabuisiert, d.h., wir verweigern uns dem Feuerkreis/ der Sonne und des Tods. Stattdessen scheinen wir in unseren urbanen Existenzen ein enormes Anspruchsdenken zu pflegen: Die technischen Möglichkeiten haben dafür zu sorgen, dass ich ein langes, gesundes, beruflich erfolgreiches Leben in Wohlstand, mit jährlichen Schönwetter-Urlauben vor mir habe; ein egozentrisches Anspruchsdenken, das den unvermeidlichen Tod als tiefe narzisstische Kränkung oder Beängstigung empfinden muss. Damit einher geht unter anderem auch die Vorstellung, dass eben nur ein langes Leben gut und erfüllt und wichtig sei, was bedeutet, dass wir uns auch hier vom ökonomischen Denken bestimmen lassen, dass die Quantität an die höchste Stelle gesetzt wird, nicht die Qualität. Der Umgang mit den alten und kranken Menschen in der aktuellen Krise unterstreicht diesen Irrweg eindrucksvoll: es geht nicht darum, dass der Einzelne selbstbestimmt entscheidet, wie er seinen Lebensabend verbringen möchte, sondern es wird ihm vorgeschrieben, sich zu schützen vor einer möglicherweise lebensbedrohlichen Erkrankung und das um jeden Preis. Dass eine isolierte, von der Familie, den Enkeln getrennte Zeit für viele Alte gar keine Qualität besitzt, also nicht lebenswert ist, wird geflissentlich übergangen.

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder, die bayrische Staatsregierung und der Landtag inszenierten kürzlich medienwirksam eine Trauerfeier für die an Corona verstorbenen Menschen. Abgesehen von der Manipulation, die der Journalist Markus Langemann in seinem bedenkenswerten Beitrag (https://clubderklarenworte.de/propaganda-im-landtag/) aufdeckt, offenbart dieser Akt ein äußerst fragwürdiges Menschenbild, da er indirekt zeigt, dass es betrauernswürdige Tote gibt und – andere. Vor allem aber scheint auch hier der oben benannte Anspruch durch: es hat Leben gefälligst ohne Tod zu geben! Vielleicht existiert die gesamte transhumanistische Forschung nur aus diesem Grund, wer weiß?

Wir sind selbst unser Schicksal/ das verstohlen uns anschaut Sphinx/ die ihr Rätsel vergaß. Wir haben es in unserer eigenen Hand, ob wir achtsam und bewusst jeden Moment erleben, weil es der letzte sein könnte, oder ob wir uns mit Surrogaten sedieren; wir haben es in der Hand, jeden Tag neu.

Theodorakis weiß, wovon er spricht, hat er doch ein geradezu exemplarisch wahrhaftiges und reiches Leben geführt: tief verwurzelt in der kretischen Theodorakis-Sippe trägt er eine alte Kraft in sich, die ihn immer seinem Gewissen und seinem Herzen folgen lässt. 1960, als er bereits für seine ersten sinfonischen Kompositionen Anerkennung in Paris und London gefunden hatte, Preise erhielt, hängte er die Karriere eines klassischen Komponisten samt des Fracks, den er nur ein einziges Mal in seinem Leben trug, an den Nagel, kehrte nach Griechenland zurück und beschäftigte sich mit traditioneller Volksmusik. Um seiner Vision einer gerechten Gesellschaft willen nahm er Verbannung, Gefängnis und Folter auf sich; er identifizierte sich mit dem kulturell-mythischen Erbe seiner Heimat und setzte sich damit auseinander, ob sich das für einen Kommunisten nun gehörte oder nicht; er suchte das Bündnis mit den Konservativen, als ihm das die tragfähigste politische Möglichkeit zu sein schien (nach dem korruptionsbelasteten Ende der Ära Andreas Papandreou, PASOK); unbeirrt versuchte er immer und immer wieder das schier Unmögliche, nämlich die Synthese klassisch-europäischer Sinfonik mit griechischen Volksliedern und -tänzen …

Ostern 2021: Das Sterben Jesu als Sinnbild für das Sterben des Lächeln(s) und der Versprechungen/ für etwas Anderes, die Auferstehung als Blick in das Gesicht der Sphinx/ die ihr Rätsel vergaß und damit unsere Rückkehr in ein warmherziges, bewusstes, verbundenes Leben.

(1) aus dem Griechischen übertragen von Asteris und Ina Kutulas

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