Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Spielweisen

Letzte Woche hat mich ein Bündner Freund mit der These überrascht, dass das Leben vielleicht nur ein Spiel sei und es darauf ankomme, es so gut wie möglich zu spielen. Überrascht hat mich der Satz aus dem Mund eben dieses Freundes, denn er selbst ist sowohl beruflich als auch familiär intensiv eingebunden, sodass es mir nicht in den Sinn kommen würde, bei ihm an ein Spiel zu denken.

Im Gegensatz dazu habe ich gerade eine Dokumentation über einen australischen Schwindler gesehen, der 6 Jahre lang seine Identität wechselte, mehrfach heiratete, seine Ehefrauen um ihre Ersparnisse brachte, zudem als Finanz- oder Investmentexperte auftrat und gutgläubige Menschen weltweit zu undurchsichtigen Geldgeschäften überredete – obwohl seine einzige Expertise dazu im Besitz eines Laptops bestand. Dieser Mann war zweifellos ein Spieler, ein Hasardeur, an dem, so resümiert es eine seiner früheren Frauen, nichts echt gewesen ist. Das Verführerische solchen Spiels empfinde ich durchaus, vielleicht auch, weil ich selbst ganz das Gegenteil bin – immer auf der Suche nach Tiefe, nach Begegnung und Kontakt, was ein ehrliches Mit-sich und Miteinander voraussetzt.

In meiner literarischen Profession habe ich das Glück und Privileg, etwas auszuleben, was mir in der eigenen Realität nicht möglich wäre: Ich kann verschiedene Schicksale, verschiedene Lebensentwürfe durchspielen, kann mit meinen Figuren Entscheidungen treffen, die mir selbst fremd sind, kann mich in ein Denken und Fühlen hineinbegeben, das weit von mir entfernt ist. Auf diese Weise bin ich Viele und werde mir der Potentiale, die sowohl im moralischen als auch unmoralischen Sinn in mir liegen, bewusst.

In meiner Arbeit als Chanteuse gibt es ebenfalls dieses Spielelement: Ich gehe auf die Bühne und höre auf, Uta Hauthal zu sein, ich werde eine Figur. Diese verwandelt sich die Lieder an, die sie singt, als wären es ihre eigenen Geschichten, was sie natürlich nicht sind. Es geht dabei um einen Resonanzraum, der entsteht, zwischen mir, der Bühnenfigur Sängerin, dem Chanson und dem Publikum, dieser Raum allerdings braucht wiederum die ehrliche Empfindung, die Öffnung des Herzens.

Natürlich gibt es auch das strategische, ja, das manipulative Spiel, das der oben erwähnte Schwindler perfekt beherrscht haben muss. Leider sind auch Fernsehtalks und Politikergespräche zunehmend darin steckengeblieben: Man hört einander nicht zu, man beharrt auf dem, was man selbst vertritt und schwingt moralische Keulen, wenn der poltische Gegner andere Überzeugungen äußert; und gleichzeitig versucht man, immer korrekt und unangreifbar zu reden, denn man könnte ja nachher im Internet zitiert und (womöglich millionenfach) verbreitet werden. Angst und Rechthaberei bilden eine gefährliche Allianz, gepaart zusätzlich mit einer Macht, die wir der Masse geben – je mehr Klicks, desto mehr Macht, dabei kann die Anzahl von Klicks ja auf verschiedene Weise erreicht werden, es müssen noch nicht einmal Menschen dahinter stehen, wie wir wissen (ganz abgesehen von der Selbstverständlichkeit, mit der auch hier quantitative Aussagen als qualitative bewertet werden). Ich vermute, dass mancher Bürger sich den markigen Sprüchen rechtsgerichteter Parteien zuwendet, weil er das Gefühl hat, hier wird wenigstens klar und verständlich geredet, es werden die Dinge beim Namen genannt (dass das gezielte Provozieren einiger rechter Politiker natürlich auch wieder eine Strategie, ein Spiel darstellt, steht auf einem anderen Blatt).

Zurück zu meinem Schweizer Freund: Im Sinne einer Möglichkeit, für die ich mich entscheide, indem ich das Leben führe, das ich führe, kann ich seiner These zustimmen; andererseits weiß ich, dass unsere Freundschaft nicht entstanden wäre, hätten wir uns nicht auf einer tiefen, puren Ebene ganz ohne Spiel begegnen können. Genau das werde ich auch immer wieder suchen, diese Tiefe macht mir das Leben (und Schreiben und Singen) lebenswert.

Menü schließen