Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Spuren

Ich habe bereits davon berichtet, dass mich ein Thema in dieser Zeit besonders beschäftigt, nämlich die Auseinandersetzung mit meinen Dresdner literarischen Ahnfrauen. Um diese Auseinandersetzung möglichst sinnlich und lebendig zu gestalten, habe ich insgesamt 9 Spaziergänge auf den Spuren der Literatinnen entwickelt, wobei die Beschreibungen von Johanna Marie Lankau (1866-1921) Dresdner Spaziergänge (1912) jeweils die Grundlage bilden.

Unter der Überschrift An der Schwelle der Stadt hat nun der erste Spaziergang stattgefunden, zu dem sich 10 Teilnehmer und ich an der Russisch-Orthodoxen Kirche trafen. Bevor wir uns gemeinsam auf den Weg machten, lud ich die Anwesenden ein, sehr bewusst ihren Blick schweifen zu lassen, stadtein- und auswärts, nach links und rechts. Nach einigen Minuten erreichten wir die Lukaskirche und damit unseren ersten literarischen Halt. … dicht daneben steht eine Kiche fast mitten in den Feldern, denn in der Lukaskirche kann es der Dresdner erleben, daß ihm der süße Duft des blühenden Kornes übers Gesangbuch weht, und daß sich zur Erntezeit heller Dengelklang mit den ernsten Tönen der Orgel vermischt …

Lankau beschreibt den unmittelbaren Übergang von der Stadt in die ländliche Umgebung, im Jahr 2020 brauchen wir einiges an Phantasie, um uns eben diesen vorzustellen. Das Viertel, durch das wir jetzt bergan laufen, ist vor allem von den zahlreichen Gebäuden der TU Dresden geprägt sowie von Villen und Einfamilienhäusern, die wohl einst für Dozenten und Angestellte der Universität entstanden sind.

Nachdem wir den verkehrsreichen Zelleschen Weg überquert haben, halten wir im Rücken der SLUB kurz inne, jenem Bibliotheksgebäude, in dem ich die meisten Quellen und Informationen zu meinen Schriftstellerahninnen gefunden habe. Dann bringen uns verwinkelte Straßen und Wege weiter hinauf, die Stadtgutstraße verweist auf den von Lankau gepriesenen Ausflugsort … vor 30 und 40 Jahren, als unsere Eltern jung waren und es noch keinen Ausstellungspark und so viele Wirtschaften im Großen Garten gab, da pilgerten die Dresdner Bürger mit Kind und Kegel nach Räcknitz, um im Stadtgutrestaurant ganze Kartoffeln mit Hering und Zuckerbier als Abendbrot einzunehmen. Heute sitzen nur ein paar altmodische Leutchen dort oben im Lindengrün …

Auch die Gebäude des Stadtgutes gehören längst zur TU, sie sind durch Anbauten ergänzt worden und das Lindengrün ist weitgehend verschwunden. Gleich daneben befindet sich das zwischen 1939 und 1945 erbaute Wasserwerk Coschütz, das Oberflächenwasser des Talsperrensystems Klingenberg/Lehnmühle (Osterzgebirge) aufbereitet und die wichtigste Trinkwasserquelle Dresdens darstellt. Hier öffnet sich der Blick schon ein wenig auf die zu Füßen liegende Stadt, zentrale Dominanten wie Rathausturm und Frauenkirche werden genauso sichtbar wie die Christuskirche Strehlen und die Hochäuser in Reick bzw. Prohlis.

Schließlich erreichen wir mit dem nun doch noch durch ein kleines Feld führenden Moreauweg das Denkmal für den französischen General Jean-Victor Moreau (1763-1813), das von drei riesigen Eichen bewacht wird. Dank dieser Bäume können wir im jetzt einsetzenden Regen trockenen Fußes verweilen und einer weiteren literarischen Stimme lauschen. Auf der Höhe hinter uns entstand 1970 ein Neubaugebiet, in dem eine Straße den Namen Auguste Lazars erhielt. Die Schriftstellerin ist besonders mit ihrem 1935 erschienenen Kinderbuch Sally Bleistift in Amerika bekannt geworden, die Geschichte der alten Jüdin Sally, die ein Neger- und ein Indianerkind annimmt und aufzieht, wird schnell in zahlreiche Sprachen übersetzt. Lazar (1887-1970), aufgewachsen in einer jüdischen bürgerlichen Familie in Wien, studiert Germanistik, sie promoviert über E.T.A. Hoffmann und arbeitet als Lehrerin an reformpädagogischen Anstalten, wo u.a. Helene Weigel zu ihren Schülerinnen zählt, bevor sie mit ihrem Mann, dem Mathematikprofessor Karl Wieghardt, 1920 nach Dresden kommt. Hier lernt sie Hermann Duncker (1874-1960) kennen, der für sie zu einem politischen Mentor wird, was ihr eine neue Welt, nämlich die der Arbeiter und die ideologische des Kommunismus, öffnet. Aus ihrem Buch Arabesken – Erinnerungen aus bewegter Zeit (1957) lese ich eine Passage über die Buchhandlung in der Kleinen Meißner Straße, in der plötzlich eine Diskussion über Anarchie zu einem Streit über van Gogh wird, weil ein Spitzel den Laden betreten hat. Lazar beschreibt, dass dieses Geschäft bereits 1933 geschlossen wird, alle Bücher werden bei den Bücherverbrennungen vernichtet, im März auf dem Wettiner Platz, im Mai dort, wo wir jetzt stehen, vor der Bismarcksäule. Als Lazar 1949 aus dem englischen Exil zurückkehrt, versucht sie Buchladen und Straße wiederzufinden, es gelingt ihr nur ungefähr anhand des ausgebrannten Japanischen Palais`.

Mit Johanna Marie Lankau und Auguste Lazar blicken wir zurück auf die Stadt, die längst nicht mehr kompakt und zentriert im Tal liegt, sondern deren Bebauung sich immer weiter ausbreitet, in die Dresdner Heide hinein, die Loschwitzer und Lößnitzer, die westlichen und südlichen Hänge hinauf, deren Herz aber immer mit dem Fluss, der Elbe verbunden und deren grüne Lunge immer der Große Garten bleiben wird …

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