Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Sterben

Vor einiger Zeit bin ich einer Frau begegnet, mit der ich unbedingt ein Interview führen wollte. Da sie auf ganz eigenwillige, poetische Weise geantwortet hat, ist auch die Struktur des entstandenen Textes eigenwillig und poetisch …

Was ist eine Geriatrie – Clownin?

Clownin Bella in der Tagespflege für demenzkranke Menschen

Irgendwo  scheppert es laut. Die herbeieilende Altenpflegerin findet eine bekümmerte alte Dame, die einen Becher mit Saft umgestoßen hat. Aufgeregt wischt Luise M. über die nasse Tischdecke, trippelt in die Pfütze am Boden und versucht, das Malheur ungeschehen zu machen. Sie wird ganz ärgerlich. Da kommt Bella, die Clownin, greift sich einen leeren Plastikbecher und lässt ihn fallen. Oh!, ruft sie, lacht verschämt und schaut entschuldigend in die Runde. Einige der Tagesgäste schauen aufmerksam auf. Da geschieht was ganz und gar Ungewöhnliches. Als Bella dann einen weiteren Becher fallen lässt und gleich noch aus ihrer Hosentasche drei Bälle zaubert und auf den Boden wirft, glätten sich die mürrischen Sorgenfalten der alten Dame. Sie findet das komisch, Bella fällt ebenfalls ständig etwas herunter und das ist gar nicht so schlimm.

Sie hat geholfen, die aufkeimende Eskalation zu beruhigen. Paradoxes Handeln verwandelt manchmal traurige, ängstliche oder ärgerliche Stimmungen für einen Augenblick in Leichtigkeit. Das ist vielleicht einer der Schlüssel, warum an Demenz erkrankte Menschen in einem Clown einen Verbündeten sehen. Er macht dauernd Fehler und es ist ihm egal. Welche Erleichterung !

Bella mit Jeansmütze und leuchtend roter Nase ist selbst schon eine Seniorin. Sie hat noch einmal die Schulbank in einer Clownsschule gedrückt, weil sie für sich selbst einen Weg suchte, die Freude am Leben zu erhalten, trotz oder gerade wegen des eigenen Alterns. Jetzt teilt sie diese Lebensqualität mit anderen Menschen und fühlt sich durch die Momente von Verbundenheit und einem ganz eigenen Verständnis für unser aller  Unvollkommenheit reich beschenkt.

Was hat Dich zu diesem Beruf geführt?

Von Kind an habe ich Fragen gestellt: Warum ist der Mond nicht aus Käse? Warum ist Nichts nicht Nichts? Warum bin ich manchmal böse? Warum gibt es mich überhaupt? …oder dich?…. oder…oder…? Immer war ich eine Närrin, ein bisschen verrückt und neugierig. Ich fand viele Antworten und noch mehr Fragen… Da liegt das Bedürfnis, eine Närrin zu sein, doch sehr nahe…. Ach und noch etwas… ich bin eine unbequeme Menschin, die nach Lebensklugheiten und Wahrheiten sucht… und manchmal Edelsteine findet.

Du nennst noch eine weitere Berufsbezeichnung für Dich, nämlich Sterbeamme. Was verbirgt sich dahinter?

Mama

Verlassen Sie mein Haus, sofort! Gehen Sie! Mamas Stimme bebt, wird brüchig, kreischt jetzt: Ich will Sie nicht, habe Sie nicht gebeten. Meine Tochter hilft mir, gehen Sie, sofort! Die Frau vom Pflegedienst zuckt ratlos mit den Schultern und wendet sich zur Tür. Sie hat genug. Sie geht.

Sofie hält den uralten, zittrigen Körper in ihren Armen, summt beruhigend vor sich hin. Es ist viertel nach sieben und Mama hat diese Nacht wieder die Schuhe geordnet, die Schmutzwäsche gebügelt und war nur mit Mühe daran zu hindern, im Nachthemd in den Garten zu laufen. Heute ist der vierte Versuch mit der Hilfe eines Pflegedienstes eine Entlastung zu finden, gescheitert. Mama will sie, immer nur sie, immer nur ihre einzige Tochter, immer nur Sofie. Die zwei rutschen erschöpft an der Wand herunter auf den Boden und halten sich fest umschlungen. Mamas dürre Finger werden zu Klauen, Sofie ringt nach Atem, lacht hilflos.

Da, plötzlich, kichert Mama, ein breites Lächeln huscht über ihr Gesicht. Vorsichtig beginnt sie, Sofies nackte Beine zu streicheln. Das hat sie noch nie in Sofies Leben getan. Sie murmelt zärtliche Worte und wird dann langsam still.

Sofie macht das Frühstück, wie jeden Morgen seit zweieinhalb Jahren, öffnet die Fenster und lässt die Sonne in Mamas Zimmer. Morgen wird sie sich um Hilfe bemühen, ja, vielleicht morgen.

Nun ist Mama gestorben, ganz still für sich, Sofie war gerade einkaufen.

Deshalb bin ich Sterbeamme geworden.

Meine Tätigkeit als Hospiz -und Palliativ–Mitarbeiterin führte mich nach und nach in meine ganz persönlichen Tiefen und öffnete mich für die existenziellen, närrischen Fragen ans Leben, wozu eben auch das Sterben gehört.

Meines Erachtens ist die Aufgabe einer Sterbeamme, zur Vertiefung der Palliativ – und/oder Hospizmitarbeit, nichts zu tun, sondern sich in den Fluss des Sterbeprozesses einzubinden und diese besonderen, einzigartigen Energien durch ihr Dasein zu halten, zu trösten, wenn nötig, ruhig und zentriert im Verbund mit dem Sterbenden zu atmen und…..vielleicht zu beten??…oder…zu erspüren, was der/die Sterbende braucht, von Moment zu Moment.

Es geht nicht um Techniken oder Handreichungen, natürlich ist das Wissen darum auch nötig, aber eine Sterbeamme zeichnet sich dadurch aus, dass sie diesem Prozess, der über uns Menschen hinausgeht, sich selbst und ihrer ganz eigenen Zentriertheit vertraut. Das bedeutet, diese Frau, dieser Mann, dieser Mensch, die/der sich dieser Aufgabe widmet, kennt sich selbst und einiges von der Welt, kennt seine Grenzen und seine Kraft. Das ist nirgends erlernbar, außer in sich selbst im Verbund mit vertrauter Lehre und Lehrern.

Mein Weg als Palliativ – und Hospizmitarbeiterin

Meine liebste Urgroßmutter war tot und ein Liebes-Fest begann. Alle Verwandten kamen angereist, auch von weit her. Drei Tage lang zogen Düfte von Bratensoßen, frischem Gemüse, Kräutern und Gewürzen aus dem Garten durchs ganze Haus. Eifriges Summen und Flüstern über Kuchenrezepte und Große–Omas letzte Tage geisterten durch alle Räume. Still lag sie in ihrem Sarg, mitten auf der Diele, blumenumkränzt, und sie lächelte.

Wir Kinder spielten um sie herum, unsere Stimmen respektvoll gedämpft, auch unser Lachen war stiller als sonst. Manchmal schlich sich eins von uns zu ihr hin, streichelte ihre Hand oder ihr Gesicht und spielte dann weiter.

Große–Oma blieb noch drei Tage bei uns, tagsüber wurde gegessen und geklönt, manchmal auch gestritten, und abends machten Schnaps und Likör die Runde und die Geschichten über die Tote wurden Heldinnengeschichten.

Das war das liebeslebendigste Fest meines ganzen Lebens.

Sehr spät erkannte ich, dass meine persönliche  Sinnsuche, meine Blicke auf die Welt,  von dieser Sehnsucht nach Ganzheit geprägt sind, so, wie ich es als Kind erlebt hatte. Nichts fehlte meiner Kinderseele in diesen Tagen, alles war gut, wie es gerade war, auch der schmerzhafte Verlust gehörte dazu und die Freude am Lebensspiel, und von da an war der Tod mein zuverlässiger Freund.

Wenn gar nichts mehr geht, frage ich ihn.

Diese lebendig warme Erinnerung ließ mich eine Hospiz – Ausbildung und ein Palliativ-Care-Studium absolvieren und seitdem ist die Lebens– und Sterbe- Begleitung von Menschen meine stille Freude. Ich hatte das große Glück, Sterbebegleiter/innen aus aller Welt kennenlernen zu dürfen.

Eine Weile arbeitete ich als Lehrerin. Meine Schulkinder trugen jeden platt gefahrenen Igel zu mir in die Schule und wir veranstalteten Beerdigungsfeiern mit Gesang und Totenreden und allem Pomp, der uns einfiel. Das war schön, die Augen glänzten vor Entzücken und Mitgefühl, welch ein Geschenk für uns alle.

Mir scheint, die Welt ist heute mit anderen Dingen beschäftigt. Schade, aber ich hüte diese Schätze und teile sie gerne.

Wie erlebst Du Menschen am Ende ihrer Erdenzeit?

Mensch–Sein bedeutet für mich, egal ob jung oder alt, ein buntes Miteinander von manifestem Körper, Flüssigkeiten und ätherischen Verdichtungen und/oder Flüchtigkeiten. Wir bemühen uns, dieses alles im Gleichgewicht zu halten. Das gelingt mehr oder weniger, aber wenn wir geboren werden und sterben, benötigen wir dabei Hilfe.

Viele Menschen, nicht alle, strahlen am Ende ihrer Erdenzeit in Wahrhaftigkeit und filigraner Würde. Ihr Schmerz, ihre Hingabe ins Unabänderliche berührt mich tief und existenziell. Immer, absolut immer lehren sie mich, was Leben ist.

Welche Visionen hast Du für die Zukunft?

Visionen? Nein, danke. Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl’ ihm deine Pläne. Gerade jetzt erleben wir alle eine spannende Zeit, in der Sodom und Gomorra aufbricht; und gleichzeitig blühen in Asphaltritzen gelbe Butterblumen und Himmelsschlüsselchen. Wer will da spalten und urteilen? Ich jedenfalls nicht.

Erinnerungen, in dem absoluten Wissen, dass das alles Vergangenheit ist und nicht reale Gegenwart, bereichern das unsichtbare Leben aller alten Frauen, also auch meins. Ich bin manchmal traurig wie ein kleines Mädchen, mit dieser Fülle nicht gesehen zu werden; dass die Zeit nicht reif ist für diese unendlichen Schätze an Lebensklugheit.

Meine Freude gilt dem Schreiben, meinen Versen und….. ich tanze Reggae, mit großer Leidenschaft. Und ganz ehrlich: Manchmal bin ich total verärgert, wenn Menschen lebensfaul und schon tot sind, obwohl ihre Lunge noch ihren Dienst tut und ihr lebendiger Atem der Welt guttun würde.

Ich hab’ ja gesagt, ich bin eine Närrin, sitze aufmerksam am Rande des Spielfelds, ohne das Bedürfnis einzugreifen. Aber wer sich mir interessiert zuwendet, bekommt immer meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Vielen Dank, liebe Uta, dass Du mich gefragt hast.

Hanna Scotti (* 1946 in Osnabrück)

Neben Studium, Beruf und Familie arbeitete ich dreißig Jahre lang im Bereich Schauspiel, Regie und Improvisationstheater mit Erwachsenen, Kindern, Menschen mit Suchterkrankungen, sowie mit körperlichen und psychischen Einschränkungen. Seit 15 Jahren bin ich ausgebildete Geriatrie – Clownin und begleite als Sterbeamme Kranke und Sterbende.

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