Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Stille

Nun wird es wieder ruhiger werden in und um Dresden, denn die Bundeskulturstiftung Deutschland gab gestern bekannt, wer für den Titel Kulturhauptstadt 2025 im Finale steht: Hildesheim, Magdeburg, Nürnberg, Chemnitz und Hannover.

Was bedeutet es für meine Heimatstadt Dresden, dass sie nicht nominiert wurde?

Einerseits denke ich, dem Kulturhauptstadtteam und seinem Leiter, Dr. David Klein, wäre es zu wünschen und zu gönnen gewesen, dass die Bewerbung erfolgreich gewesen wäre, denn sie haben in den letzten 3 Jahren viel geleistet, sie haben einen integrativen, schöpferischen, dialogischen Prozess in der Stadt angestoßen und begleitet, mehr noch, es sind Formen und Foren des Gesprächs, der Zusammenarbeit von Verwaltung, Kulturschaffenden und anderen gesellschaftlichen Akteuren entstanden, die es so noch nie gegeben hat (von den parallel stattfindenden Bürgerbeteiligungen, initiiert von Bürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bau, Verkehr und Liegenschaften, einmal abgesehen). Andererseits bin ich erleichtert, dass es nun wieder ruhiger werden darf, denn der anhaltende Blick nach außen (Wie werden wir in den bedeutenden überregionalen Medien bewertet, wie sieht uns die Welt?), hat Dresden noch nie gut getan. Außerdem, das füge ich in Klammern hinzu, ist es vielleicht eben auch vermessen, sich als Kulturhauptstadt Europas bewerben zu wollen, wenn es noch keine 12 Jahre her ist, dass man auf den Weltkulturerbe-Titel gerotzt hat …

Es wird ruhiger werden und darin liegt eine wirkliche Chance: Jenseits permanenter medialer Aufmerksamkeit können Vorhaben und Ideen weiterentwickelt oder verändert, Gespräche und Kooperationen fortgesetzt werden. Ja, ich finde, die Stadt gewinnt gerade deshalb, weil sie verloren hat. Die reiche freie Kulturszene ist sichtbar geworden, das Bewusstsein, dass Dresden ohne Verankerung in seinem Umland nicht bestehen kann, ist in den Vordergrund gerückt, ein demokratisches Lernen hat begonnen.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, was Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in ihrer Rede feststellt: Wir leben in einer Wirklichkeit polyphoner Ich-Erzähler und werden von allen Seiten mit polyphonem Lärm konfrontiertEs ist eine Zeit der Ich – Sucht angebrochen, in der sich jeder Einzelne bedeutend vorkommt und sich aus dem Stimmengewirr hervorheben will, um seine Einzigartigkeit zu beweisen.

Meiner Ansicht nach lässt sich diese literarische Diagnose auch auf Dresden übertragen, die Stadt kränkelt seit Jahrhunderten an einer gewissen Ich-Sucht, da man als Residenzstadt schließlich schon immer etwas Besonderes war. Wieviel soziale, regionale und anderweitige Ausgrenzung mit einer solchen Haltung verbunden sein kann und durch die Zeiten getragen worden ist, vermag ich durchaus zu ahnen. Systemisch betrachtet handelt es sich bei der Behauptung des Besonderen, des Schönen, des Außergewöhnlichen um einen Versuch, tiefen Schmerz, erlittenes Unrecht, eigenes Schuldempfinden oder Scham zu verdrängen. Diese Situation hat der erste sächsische Ministerpräsident nach 1989, Kurt Biedenkopf, intuitiv erkannt und sich schnell zu König Kurt gemausert – die Untertanen nahmen’s gerne an. Biedenkopf verfolgte eine machtbewusste Dresden-Politik, die sächsische Peripherie war ihm völlig egal, sie interessierte ihn nur, wenn sich ein Leuchtturm in ihr befand, dessen Licht direkt auf ihn zurückstrahlen konnte. (In diesem Zusammenhang darf auch darüber nachgedacht werden, dass wir Könige und Fürsten auf Denkmalen stehen oder sitzen haben, viele Plätze und Straßen royale Namen tragen, während an die demokratischen Aufbrüche 1848 oder 1918 nichts erinnert.)

Heute ist Dresden vielleicht zum ersten Mal wirklich bereit und in der Lage, Demokratie zu wagen, d.h., sich selbst mit allen Facetten, Brüchen und Narben ernst- und anzunehmen. Das geht nur, wenn Menschen sich immer wieder mutig aus ihrer eigenen Gruppe oder Zugehörigkeit hinausbewegen, wenn es eine Bereitschaft gibt, sich auf andere Erfahrungen und Ansichten einzulassen, wenn kulturelle Initiativen gefördert werden, die Begegnungsräume ohne vorschnelles Be- oder sogar Verurteilen öffnen … Wenn ich eine Vision für meine Heimatstadt Dresden formulieren sollte, dann wäre es genau diese.

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