Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Stimmen

Ein ereignisreiches Wochenende liegt hinter uns. Für den Dresdner Chor femmes vocales e.V. unter Leitung der Dirigentin und Komponistin Sylke Zimpel begann es mit zwei intensiven Tagen beim Internationalen Frauenchorfestival Women only! in Leipzig. Der Freitagabend stand im Zeichen eines Begegnungskonzertes von femmes vocales und CantaAnimata (Leipzig) in der St. Laurentiuskirche – zwei sehr unterschiedliche Chöre gaben Einblick in ihr Repertoire und sie trafen sich in einem gemeinsamen Kanon, dem Wenn ich ein Vöglein wär‘, komponiert von der Frau, um die es in besonderer Weise ging: Clara Schumann. Leipzig gedenkt in diesem Jahr des 200. Geburtstages der Komponistin, Pianistin, Förderin und Mutter, die hier aufgewachsen ist und von ihrem Vater Friedrich Wieck unterrichtet wurde. In unserem Konzertbeitrag stand deshalb die Abendfeier in Venedig im Mittelpunkt, die Clara Schumann für gemischten Chor nach einem Text Emanuel Geibels komponiert hatte. Einerseits schufen wir damit eine besondere Verbindung, da dieses Stück in den wenigen Jahren, die Clara in Dresden verbracht hat, entstanden war, andererseits hatte Sylke Zimpel extra für das Festival eine Bearbeitung für Frauenchor geschaffen, die nun zum ersten Mal erklang. Es ist ein anspruchsvolles Stück, das wir lange geprobt haben, aber in diesem Moment der Aufführung geschah etwas, das über unser irdisches Tun hinausging – wir öffneten uns, wir gelangten in einen anderen Raum, wir empfingen Clara Schumanns Geist …

Dieses Öffnen und Wachsen erlebte ich kurz darauf selbst noch einmal, denn wieder hatten wir die Norwegische Trilogie von Margaret King im Programm, deren zweiten ruhigen Teil Ned i vester ich als Solo singe. Viele sagten mir nach dem Konzert, dass es einzigartig geklungen habe, meine Stimme sei warm und berührend, ich aber hatte gar nichts Außergewöhnliches gemacht. Stattdessen glaube ich, dass der Geist meines Vaters anwesend war, zu dessen Beerdigung ich letzten Herbst diese Strophen gesungen hatte, das machte die Musik jetzt umfassender und berührender als es alle meine eigenen Anstrengungen vermocht hätten:

Down in the west, happy sun/ thanks for the day, God and Father/ Give us protection during the night now … Give us peace in heart and rest …

Am Sonnabend sangen wir in der Mädler Passage und in der Passage Petersbogen, und trotz des geschäftigen Alltagstreibens rundum entstanden zu unserer Freude kleine konzentrierte Inseln, Menschen blieben stehen, lauschten und kamen zur Ruhe. Es folgte ein inspirierender workshop mit dem Berliner Frauenchor WinsVox und deren energiegeladener Chorleiterin Ulrike Röck, und im Abschlusskonzert am Abend dieses ereignisreichen Tages konnten wir nach unserem Beitrag noch einen Leipziger und einen türkischen Frauenchor erleben. Müde, erfüllt und zufrieden saßen wir nächtens im Bus, der uns nach Dresden zurückbrachte.

Am Sonntag ging es ebenfalls um Stimmen, der 26.5.2019 wurde durch die Europawahl und verschiedene Kommunalwahlen in Deutschland geprägt. Das Wahlrecht wird nach wie vor als hohes demokratisches Gut betrachtet, ich bin mir dessen bewusst, dass Frauen lange dafür gekämpft haben, überhaupt wählen zu können, und doch – es offenbart sich darin, wie in so vielen anderen Aspekten unseres modernen Lebens auch, eine pathologische Seite: wir haben unsere Stimme abzugeben und diese kommt noch dazu in eine Urne. Wie sähe unser Leben aus, wenn wir unsere Stimme behielten und selbstständig erhöben?

Als ich zum Wahllokal kam, war ich überrascht und berührt zugleich: Im Hof der Schule standen lange Schlangen, es hatten sich sehr viele Menschen aufgemacht, um zu wählen – ich kann mich nicht erinnern, dies schon einmal erlebt zu haben; es dauerte mehr als eine halbe Stunde, bevor ich meine Wahlzettel in der Hand hielt. Zum Glück wusste ich genau, wo ich in Europa mein Kreuzchen machen wollte, schon längst hatte mich das fundierte, umfassende Programm von DiEM25 überzeugt, für den Stadtrat in Dresden fiel mir die Entscheidung schwerer, hier wusste ich am besten, wen ich nicht wählen wollte …

Die Ergebnisse zeigen, dass die Wahlbeteiligung tatsächlich viel höher gewesen ist als in den letzten Jahren (66,9% in Dresden; 61,4% in Deutschland), das sollte als positives Zeichen gedeutet werden. Die Zusammensetzung des europäischen Parlaments wird vielfältig werden, einige wichtige Akzente sind deutlich, wie zum Beispiel der massive Stimmenverlust der nationalsozialistischen Partei Goldene Morgenröte in Griechenland (allerdings wiederum hoher Zuspruch für Marine Le Pen in Frankreich).

Eine wirkliche Chance offenbart der künftige Dresdner Stadtrat, da er sich neben einzelnen Sitzen kleinerer Parteien aus vier fast gleichstarken Fraktionen zusammensetzt: Bündnis 90/Die Grünen (20,4%), CDU (18,3%), Die LINKE (16,2%), AfD (17,1%). Keine dieser Parteien kann von vornherein mit einer Mehrheit rechnen, sodass man sich auf Augenhöhe und sachbezogen auseinandersetzen muss, um Lösungen zu finden bzw. Kompromisse auszuhandeln.

Bleibt zu hoffen, dass alle Stadträte gewillt sind, diese Chance zu ergreifen!

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