Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Superlativ

Brigitte Kronauer – eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen …; Rangliste der 40 besten Bassisten der Welt …; Galerie der schönsten weiblichen Milliardäre (warum eigentlich nicht Milliardärinnen?) …

Unsere Sprache ist vom Superlativ, von der ständigen Steigerung vergiftet. Ich habe den Eindruck, dass der Grund dafür in unserer Bereitschaft zu suchen ist, alles zu tun, um wahrgenommen zu werden, um wichtig zu sein: nackte Selfies an möglichst spektakulären Orten, marktkonforme Kunst, provokative politische Statements – die narzisstische Bedürftigkeit des westlichen Menschen zeigt sich überall.

Manche Phänomene sind alt, schon mein verehrter Musiklehrer an der Dresdner Kreuzschule, der Dirigent Christian Hauschild (1939-2010), amüsierte sich über die Welturaufführung der 7. Sinfonie von Mikis Theodorakis. Eine Uraufführung ist immer Welt-, sonst wäre es ja eben keine Uraufführung.

Aber wir können es selbstverständlich noch superlativer! Im August 2002 überschlugen sich die Medien geradezu in der Berichterstattung über das Hochwasser in Sachsen: erst war es eine Jahrhundertflut, später wuchs sie sich zur Jahrtausendflut aus. Vielleicht stand dahinter vor allem der Wunsch, die Natur sprachlich zu bezwingen, eine Jahrhundertflut kann es in einem Jahrhundert schließlich nur einmal geben. Man wollte im ausgewiesenen Hochwasserschutzgebiet im Dresdner Osten bauen, da musste Sicherheit her, auch wenn diese sich in keiner Weise belegen ließ. Man baute und – 2013 erreichte die Elbe nahezu dieselben Pegelstände wie 2002.

Der Nobelpreis für Literatur gilt gewöhnlich als weltweit wichtigste Auszeichnung auf diesem Gebiet, wie problematisch ein solcher Preis ist, zeigt u.a. die harsche Kritik, die Arno Schmidt (1914-1979) anläßlich der Verleihung an Henryk Sienkiewicz (dann hätte man ihn genauso gut Karl May geben können), Paul Heyse (Zuckerwasser) und Winston Churchill (ein ausgesprochener Journalist von Mittelmaß) übte. Meiner Ansicht nach machte sich das Nobelkomitee 2016 geradezu lächerlich, indem es den Preis Bob Dylan zuerkannte, ganz folgerichtig fiel es danach auseinander, es gab Korruptions- und andere Vorwürfe, 2018 wurde der Preis nicht vergeben.

Inzwischen wird eine Formulierung sehr häufig gebraucht, die den ganzen Unsinn der Superlativerei deutlich macht: Man spricht oder schreibt von der besten Band, dem erfolgreichsten Song, dem größten Musiker aller Zeiten, eine Aussage, die dessen Urheber zu einem einzigartigen Wesen macht, nämlich zu einem Unsterblichen, der schon immer da war und immer dasein wird. Wie sollte derjenige sonst über Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen urteilen können?

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