Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Unterwegs

Wie zu Beginn meiner 5wöchigen Reise durch die Schweiz im Sommer 2017 packe ich meine Fahrradtaschen, stecke das große Sperrholzschild mit dem Schriftzug Poesie-Tankstelle in einen Beutel und fahre – sozusagen noch inkognito – zum Bahnhof. Mein Ziel ist die Friedensstadt Osnabrück in Niedersachsen, in der ich zwiefach aktiv sein werde: am Tag mit der Poesie-Tankstelle in der Stadt, am Abend mit einer Lesung aus meinem Essayband Poesie-Tankstelle: Mit Gedichten unterwegs in Deutschland und der Schweiz (2018). Die Idee zu dieser Kombination haben die Leiterin des hiesigen Literaturbüros, Beatrice le Coutre-Bick, und ich im März 2019 entwickelt, als wir uns auf der Leipziger Buchmesse begegnet sind.

Zu Gast bin ich bei der einstigen Osnabrücker Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler, einer aktiven, umtriebigen 80jährigen Frau, die am Bahnhof meinen Vorschlag, dass ich mit meinem Rad hinter ihr herfahren würde, beiseiteschiebt und stattdessen Fabrice mit Schwung und dem Satz Das ist ja noch leichter als meins! in ihren Kofferraum hievt. Ihre bewundernswerte Energie zeigt sich den ganzen Nachmittag und Abend: Nach ausführlichen Gesprächen und einem langen Spaziergang wird sie mich schließlich in ihrer geräumigen, geschmackvoll eingerichteten Wohnung auch noch mit einem 3-Gänge-Menü verwöhnen!

Der Morgen des 4.9.20 sieht mich ausgeruht, aber unruhig, draußen ist es grau, es nieselt. Das ändert sich auch während unseres gemütlichen Frühstücks nicht, danach bleibt mir nur, zu warten und zu vertrauen. Wie schon oft in meinem Leben empfange ich innehaltend einen Impuls aus der Zukunft: Ich stelle mir vor, kurz nach Mittag mit der Poesie-Tankstelle aufzubrechen. Und siehe da, zunächst weiterhin regnerisch klart es gegen 13 Uhr auf, Wind schiebt die Wolken auseinander, und es zeigen sich Sonnenstrahlen …

Ich fahre ins nahe Stadtzentrum, entscheide mich schnell und intuitiv für einen Platz direkt vor dem Dom und baue auf. Sofort entstehen die ersten Poesie-Gespräche, 3 interessierte Mittvierziger treten nacheinander heran, lassen sich etwas über die Entstehung meiner Idee erzählen und wünschen sich Gedichte von mir. Einer der Drei ist von meinem Verschenkten Lied für John von Düffel Brief an John so berührt, dass er meine CD erwirbt. Danach habe ich Gelegenheit, mit Ernst Jandls Urteil Lächeln auf Gesichter zu zaubern und als eine ältere Dame stehenbleibt, die berichtet, dass sie aus dem Erzgebirge stamme, greife ich zu Uwe Claus Blaues Wunder. Zwei Frauen wollen sich überraschen lassen, ich öffne also einfach meine Mappe an einer beliebigen Stelle und trage dann das Gedicht In meinem Leben als Fuchs der Engadiner Dichterin Leta Semadeni vor. Da sie nicht sicher sind, ob sie es am Abend zur Lesung schaffen werden, erwerben sie gleich meinen Essayband. Eine besonders berührende Begegnung entsteht mit einer jungen Frau und ihren zwei Kindern. Ihnen trage ich mein Gedicht Unterwegs vor, das ich dem Pianisten Derek Henderson gewidmet habe, Mutter und Tochter lassen sich spürbar von den poetischen Bildern gefangennehmen, während der vielleicht 10jährige Junge etwas gelangweilt aussieht. Das Mädchen im Teenageralter fühlt sich an Gedichte erinnert, die sie selbst als Kind geschrieben hat und mit leuchtenden Augen und sicherem Rhythmusgefühl rezitiert sie mir im Anschluss eines davon. Ich stelle mir vor, dass diese Begegnung sie inspirieren könnte, sich dem eigenen poetischen Ausdruck erneut zuzuwenden …

Nach ungefähr 90 Minuten nahezu ununterbrochenen Kontaktes mit Passanten werde ich müde, ein klares Gefühl sagt mir, dass es Zeit ist aufzubrechen. Kaum habe ich die Tür von Karin Jabs-Kieslers gastfreundlicher Wohnung hinter mir geschlossen, wird es draußen wieder dunkel, kurz darauf schüttet es aus Kannen und Eimern … Da die Lesung am Abend ebenfalls im Freien stattfinden wird, bleibt es somit spannend, aber für das Sonnenfenster, das sich für die Poesie-Tankstelle geöffnet hat, bin ich jetzt schon von Herzen dankbar.

Nachdem ich mich von der intensiven Arbeit ausgeruht und Kräfte gesammelt habe, kann ich mich erneut in leichtem Sonnenlicht, allerdings bei herausfordernd frischen Temperaturen auf den Weg machen. Die Atmosphäre im Garten des Restaurants Kartoffelhaus, direkt vor den Mauern einer Kirche, ist angenehm, eine ganze Reihe Zuhörer finden sich trotz der Kühle, die nach Verschwinden der Sonne zur Kälte werden wird, ein. Die beiden Gastgeberinnen, Buchhändlerin Karin Steinke-Klingenburg und Beatrice le Coutre-Bick, eröffnen mit freundlichen und dankbaren Worten den Abend, denn angesichts der Corona-Verordnungen ist es eine Herausforderung, öffentliche Veranstaltungen durchzuführen und überhaupt nur möglich, wenn unterschiedliche Akteure miteinander kooperieren. Für mich ist bereits bei meiner Ankunft und während der Wege durch Osnabrück spürbar geworden, dass sich die Stimmung hier von der in Sachsen oder Brandenburg unterscheidet: Selbst im Freien tragen Menschen öfter den Mund-Nasen-Schutz, sogar auf dem Fahrrad oder beim Joggen habe ich Leute mit Maske gesehen und auch jetzt achten die Veranstalterinnen sehr genau auf alle geforderten sogenannten Hygienemaßnahmen.

Nach dem herzlichen Einstieg habe ich es leicht, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen, in gewohnter Weise wechsle ich zwischen Passagen aus meinem Essayband und Erzählungen besonders in Erinnerung gebliebener Poesie-Erlebnisse. Am Ende wünschen sich die Zuhörer auch noch ein Gedicht von mir, da ich von Derek Henderson schon gesprochen habe (wir waren 2015 mit dem Konzert der 13 Monate in Osnabrück), rezitiere ich das ihm gewidmete Verschenkte Lied. Auf die Frage, ob ich mir vorstellen könnte, auch etwas zu singen, zögere ich eine Weile, die Umstände sind dafür gar zu ungünstig – die Stimme ist bereits müde, ich müsste a-cappella singen, es ist kalt -, aber dann entschließe ich mich doch. Ich wähle Eva Strittmatters Ich mach ein Lied aus Stille (Komposition: Manfred Schmitz), das ich bereits einige Male auf den Poesie-Reisen interpretiert habe und wider Erwarten gelingt es mir ausgezeichnet.

Zum Schluss dieses denkwürdigen Tages entstehen einige interessante Gespräche am Büchertisch, und schließlich sitzen wir zu viert eine anregende Stunde zusammen: die beiden Gastgeberinnen des Abends, Frau Steinke-Klingenburgs Ehemann und ich.

Als ich zurückkehre, ist es aber etwas anderes, das in mir besonders nachhallt: Einer der Zuhörer hat in meinem Roman Garbald in Dresden geblättert und mich angesichts der Widmung gefragt, wer Andrea sei. Kurz habe ich die Geschichte meiner 2016 verunglückten Freundin erwähnt, ein berührender Moment, denn 2 Tage später sitze ich am Grab von Andrea in Minden, lege einen Owo auf ihrem Grabstein ab und lächle übers ganze Gesicht, weil ich intensiv mit ihr in Verbindung bin …

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