Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Utopia

Gestern hatte die Sächsische Akademie der Künste zu einem Podiumsgespräch in die Motorenhalle eingeladen, bei dem es um die Utopie- und Gesellschaftsentwürfe in den Künsten vor 1989 gehen sollte. Die Dichter Uwe Kolbe (*1957) und Wilhelm Bartsch (*1950) sowie der Chefdramaturg des Staatsschauspiels Dresden Jörg Bochow (*1963) erinnerten sich gemeinsam mit Moderator Michael Hametner (*1950) an ihr Erleben, ihre Aktivitäten vor allem in den 1980er Jahren. Dabei machte der Moderator aber auch den Gedanken zur Gegenwart auf: Was ist von diesen Visionen heute noch da?

Leider fehlten auf dem Podium die weiblichen Stimmen, wobei man dies der Akademie nur bedingt zum Vorwurf machen kann: die ebenfalls eingeladene Sängerin und Regisseurin Annette Jahns (*1958) musste krankheitsbedingt ihre Teilnahme leider absagen. Allerdings wäre meiner Ansicht nach eine andere Frau sehr wichtig gewesen in dieser Runde, und zwar die Tänzerin und Choreografin Hanne Wandtke (*1939), die in den 1980er Jahren eng mit dem Ensemble Auto-Perforations-Artistik und der jungen Szene in der Dresdner Neustadt und darüber hinaus verbunden war.

Nun also die Herren: Uwe Kolbe befand sich zur Zeit des Mauerfalls in Texas, wo er gemeinsam mit seinen Studenten die Ereignisse aus der Ferne intensiv verfolgte. Er beschrieb nicht nur diese Situation, sondern auch die Veränderungen am Berliner Prenzlauer Berg in den beiden Jahrzehnten vor der Wende. Nach und nach habe sich eine zunehmende Trennung zwischen Künstlern/ Literaten auf der einen und politisch Aktiven auf der anderen Seite gezeigt, obwohl man sich natürlich gekannt habe. Außerdem relativierte er die Bezeichnung Samisdat (russisch: Selbstverlag – was für Werke stand, die wegen der Zensur nicht veröffentlicht werden konnten): Dieser Name treffe für Länder wie Polen oder ČSSR zu, nicht aber für oppositionelle DDR-Literatur, denn hier habe es immer die westdeutschen Verlage im Hintergrund gegeben, die im Osten verbotene Bücher herausgebracht hätten (eine Sonderstellung, die nach der Wende zu dem einen oder anderen Sturz in die Bedeutungslosigkeit führte: einige Autoren waren hauptsächlich deshalb interessant gewesen, weil sie in der DDR lebten und schrieben, nicht so sehr wegen der literarischen Qualität ihrer Texte …)

Jörg Bochow erinnerte an neue Wege und Ästhetiken zum Beispiel in den Regiearbeiten Wolfgang Engels (*1943), wodurch vor meinem inneren Auge Bilder der Shakespeare-Sonette auftauchten, einer Inszenierung, die der Regisseur gemeinsam mit der Tänzerin Arila Siegert (*1953) am Schauspiel Dresden realisierte und die mich damals zutiefst bewegt hatte. Außerdem erwähnte Bochow die freie Theatergruppe Zinnober, 1979 in Crimmitschau gegründet und mehrere Jahre mit Auftrittsverbot belegt, weil es ein freies Ensemble in der DDR einfach nicht geben konnte. Trotzdem bestand es und spielte.

Wilhelm Bartsch berichtete von den Ereignissen im Oktober 1989 in Halle/S., die zunächst von Verhaftungen, Verhören, auch körperlicher Gewalt geprägt waren, bevor nach und nach durch Mitglieder des Neuen Forums, Intellektuelle und Künstler ein Übergang zu Gesprächen und Runden Tischen erreicht werden konnte. Eine Perspektive, die wir heute in unserer zentralistischen Sichtweise oft vergessen: Die Entwicklung der friedlichen Revolution verlief an jedem Ort etwas anders; die ersten Demonstrationen fanden nicht etwa in Leipzig oder Berlin, sondern in Plauen im Vogtland statt und überhaupt wäre der ganze gesellschaftliche Umbruch ohne die jahrelangen ökologischen und kirchlichen Initiativen an der Peripherie (zum Beispiel in Ilmenau, Gera, Jena, Naumburg) niemals möglich gewesen.

Mit der Frage nach der Bedeutung einstiger Utopien für unsere Gegenwart kam Michael Hametner bei seinen Gesprächspartnern nicht weit, was sich in der Aussage Uwe Kolbes bündelte, der nach den Heilsversprechen des 20. Jahrhunderts alle Utopien für abgefrühstückt erklärte. Da wir uns ganz offensichtlich wieder an einem gesellschaftlichen Endpunkt befinden (den wir mit unserer Erfahrung der letzten DDR-Jahre vielleicht viel genauer spüren können als Westdeutsche), braucht es zukunftsweisende Alternativen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, in der nächsten Diktatur zu landen. Hametner brachte eine Idee wie das bedingungslose Grundeinkommen BGE als utopischen Entwurf ins Gespräch, ich denke nicht nur daran, sondern vor allem an die von Christian Felber begründete Gemeinwohlökonomie, an den Green New Deal von DiEM25 und auch an die aufblühende Salonkultur in Deutschland, die die Suche nach Gespräch, nach wirklicher Begegnung zeigt.

Am Ende stellte ein junger Mann aus dem Publikum eine wichtige Frage, er wollte wissen, wo denn eigentlich die Geschichten der überzeugten Kommunisten und Sozialisten seien, all jener, die eventuell kritisch waren, aber das bestehende System akzeptierten oder sogar für die bessere Gesellschaftsform hielten. Er verwies damit auf eine schmerzliche Leerstelle in unserer Erinnerungskultur, denn all diese Narrative fehlen, sie werden den Verlierern der Geschichte zugeordnet, sind also uninteressant und überlebt. Wie wollen wir uns, unser Gewordensein, unsere Prägungen verstehen, wenn wir einen Großteil unserer gesellschaftlichen Erfahrung ausklammern, weil er uns nicht angenehm ist?

Menü schließen