Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Veränderungen

Am vergangenen Sonntag habe ich ein sorgenvolles Gemüt, ich überlege bereits, auf welche Weise sich ein Ersatztermin finden und gestalten lassen könnte, denn just in dem Moment, in dem ich mich auf den Weg zum Treffpunkt für den 2. literarischen Spaziergang auf den Spuren von Dresdner Schriftstellerinnen mache, beginnt der Himmel alle Kannen und Eimer zu leeren – es schüttet. Am Dr.-Külz-Ring angekommen, stelle ich mein Fahrrad ab, beschäftige mich mit o.g. Gedanken und warte. Der Regen lässt nach, bald tröpfelt es nur noch und meine Sorge erweist sich als ganz unbegründet, denn wieder sammelt sich eine Schar interessierter Dresdner, die neugierig auf die literarischen Stimmen der Frauen ist.

Bevor wir gemeinsam in die Fußgängerzone der Prager Straße hineinlaufen, um an einer ruhigeren Stelle die erste Lesung zu hören, kann ich mit einer guten Nachricht beginnen: Die Fortsetzung der Spaziergänge im 2.HJ 2020 wird ebenfalls von der Stadt Dresden in voller Höhe gefördert. Das bedeutet nicht nur, dass ich alle geplanten Veranstaltungen von Juli-November umsetzen kann, sondern dass ich nun auch noch einmal Mühe und Aufwand in weiterreichende Werbemaßnahmen (Schild am Fahrrad, Fotorecherche usw.) zu stecken vermag. Die Teilnehmer freuen sich mit mir und unterstützen mich gleich mit praktischen Ideen …

Danach reiche ich einige Fotos in die Runde, die uns auf die Herausforderungen des Spazierganges einstimmen, denn die Veränderungen der Stadt in den letzten 170 Jahren verlangen ein Höchstmaß an Phantasie. Die Bilder zeigen sowohl den Eingang der Seestraße uns gegenüber als auch die Johannesallee – einmal am Ende des 19. Jh. und unmittelbar nach der Zerstörung 1945.

An dem erwähnten ruhigeren Platz in der Fußgängerzone lese ich Johanna Marie Lankaus bildhafte Beschreibung von 1912, in der sich auch damals schon das rasante Tempo der Veränderungen innerhalb weniger Jahrzehnte zeigt. Ende des 19. Jh. ist es offensichtlich üblich, vorhandene Gebäude umzusetzen oder einfach abzubrechen, um an ihrer Stelle höhere und prächtigere Häuser zu errichten; als Beispiele seien die Struvesche Villa (1852 von Hermann Nicolai für den Mineralwasserfabrikanten Gustav Adolph Struve, 1812-1889, erbaut) mit ihrem berühmten Garten erwähnt sowie Lässigs Konditorei, die dem gewaltigen Mauschen Geschäftshaus mit Passage zu weichen hat.

Danach lassen wir im langsamen Gehen die heutige Straße auf uns wirken, die mit der Lankauschen Beschreibung nichts mehr zu tun hat. In der Nähe der zentralen Springbrunnen schlage ich den Bogen in die Gegenwart auch literarisch, indem ich zwei meiner Poeme aus dem Zyklus Briefe aus Kamini-Antworten aus Dresden vortrage, der 2003 in einer besonders intensiven griechisch-sächsischen Schaffensphase entstanden ist.

Direkt am Hauptbahnhof halten wir wieder inne, um Johanna Marie Lankau zu lauschen, die unter anderem schildert, wie binnen weniger Jahre aus dem beschaulichen Böhmischen Bahnhof mit seinem weinbewachsenen Bahnwärterhäuschen der gewaltige Sandsteinkoloss wird, den wir heute kennen und der von da an dafür sorgt, dass sich unablässig eine kräftige Ader frischen Verkehrsblutes in die Straße ergießt.

Fast zu unserem Ausgangspunkt, dem Beginn der Prager Straße, zurückgekehrt, beende ich unseren Spaziergang mit einem weiteren Text von mir, den ich sowohl in direkter Auseinandersetzung mit meiner Schriftstellerahnin als auch in Betrachtung der Gegenwart am Anfang des Jahres 2019 geschrieben habe. Da er wesentliche Elemente und Gedanken des Spaziergangs enthält, füge ich ihn hier an:

Dresdner Spaziergänge

2. Die schöne Straße

Keine malerischen Ecken, keine Gartenmauern, keine historischen Erker und Chörlein, kein altväterischer Schmuck – … Aber warum soll die Poesie nur am Alten und Altertümlichen hangen? Ist nicht die drängende Jugend und der werdende wachsende Frühling voll Poesie! Warum nicht auch eine junge, schöne Straße? Unsere Prager Straße zum Beispiel!

Die Zeilen von Johanna Marie Lankau, meiner Dresdner Schriftstellerinnen-Ahnin, gehen mir durch den Kopf, da ich jetzt, an einem sonnigen Maimorgen, am Anfang der gepriesenen Straße stehe.

Baugeschichtlich betrachtet ist sie in mehrfacher Hinsicht als jung anzusehen. Einerseits beschreibt die Dichterin 1912 eindringlich, wie rasant die Entwicklung in wenigen Jahrzehnten vorangeschritten ist: aus den einst verträumten Häusern und Gärten, die nach und nach in Wiese und wilden Spielplatz übergingen, an dessen Stirn sich ein ebenso verträumtes, weinbewachsenes Bahnwärterhaus befand, entsteht eine moderne, durchgängig bebaute Straße, die 1898 durch einen gewaltigen Bahnhofsbau gekrönt wird. Elektrische Bogenlampen halten Einzug, kleine enge Läden dehnen sich aus, Steinschäfte und Stufen werden herausgerissen, um großen Spiegelscheibenfenstern und hohen Türen zu weichen, der Verkehr flutet vom Hauptbahnhof in die Straße und bringt viele Gäste nach Dresden, die Konditorei in der Mitte muss dem Mauschen Geschäftshaus mit Passage weichen, das Viktoriahotel mit seinem Garten verschwindet, aus dem Material entsteht das gewaltige Viktoriahaus im Neorenaissance-Stil …

Andererseits endet diese Phase 1945 mit der großflächigen Zerstörung infolge der Bombardierung durch die Alliierten am Ende des II. Weltkrieges. Die Ruinen, die danach noch stehen und hätten bewahrt werden können, werden abgetragen, damit Raum für eine neue, eine sozialistische Bebauung entsteht, eine Bebauung, die sich um die alte Topograhie der Stadt nicht schert. So wächst in den 1960er Jahren aus dem total beräumten, leeren Feld zwischen Altmarkt und Hauptbahnhof ein völlig anderes, weitläufiges Ensemble aus Plattenbauten und Springbrunnen heran, das sich am Ende öffnet und ab 1974 dem von Grigori Danilowitsch Jastrebenezki  geschaffenen Lenin-Denkmal die Bühne bereitet. Eine grundsätzliche Entscheidung für den Charakter der Prager Straße und ihre Verbindung mit dem Hauptbahnhof ist es, sie durchgängig als Fußgängerzone zu gestalten, während der gesamte Verkehr auf die parallel verlaufende Petersburger Straße gelenkt wird.

Die nächste Verjüngungsphase beginnt nach 1989, allmählich werden die flachen Gebäude neben den großzügigen Springbrunnen durch Glasbauten ersetzt, die Brunnenbecken selbst werden entfernt oder verkleinert, die Hochhäuser saniert, die niedrigen Läden zwischen den zehngeschossigen, mit der Stirnseite zur Straße stehenden Hotels aufgestockt, Lücken bebaut. Jedoch werden all diese stadtbildprägenden Um- bzw. Überformungen im Wesentlichen von alten Männern initiiert und geplant, es ist also doch nicht nur eine junge Straße ….

Dann steigen zur Rechten hoch und weiß die leuchtenden Sandsteinwunder in die Höhe, noch frei von der Patina der Stadt, die nur allzubald das lichte Kleid trüben wird … Die hohen Steingebäude bergen im Innern nicht minder Schönes … das sind nicht Kaufläden im landläufigen Sinne mehr, nein, es sind hohe weite Räume, die mit auserwähltem Geschmack eingerichtet, oft Salons oder Sälen gleichen. Was Industrie, Handwerk, Kunst und Wissenschaft und die verschiedenen Jahreszeiten an guten und auserlesenen Erzeugnissen bringen, ist hier zu finden – und wird auch hier gesucht.

Was aber sehe nun ich an diesem Tag im Mai 2019?

Links und rechts beginnen hoch aufragende Häuserzeilen, deren Gesichter Variationen von großzügigen Glasfronten mit gelegentlichen Sandsteinverblendungen, Stahlstreben, Arkaden mit runden oder quadratischen Säulen, Beton und glatten Flächen sind, die genauso wie ihr Inneres, anhand der gewaltigen Werbebanner Karstadt, H&M, ZARA, orsay usw. zu erkennen, mir keinen Hinweis darauf geben, wo ich mich eigentlich befinde: in Karlsruhe, in Stuttgart oder doch tatsächlich in Dresden? Dann allerdings bleibt mein Blick hängen, an Elementen einer bewegten Aluminium-Waben-Verkleidung, der einzigen Erinnerung an das von Ferenc Simon und Ivan Fokvari projektierte Centrum-Warenhaus, die es an seinem einstigen Standort noch gibt. Der Abbruch dieses wichtigen Gebäudes der DDR-Moderne hat viele Einwohner Dresdens bewegt, für manche galt der Vorgang als Symbol für den generellen Umgang mit allem, was das Leben im Osten Deutschlands ausgemacht hat: im Zweifelsfall kann man darauf verzichten. Diskussionen, Filmaufnahmen, Gespräche, die den Verlust des Kaufhauses begleiteten, haben Prozesse angestoßen und Initiativen befördert, die sich seither um eine andere Wahrnehmung der Architektur der DDR bemühen, zum Beispiel das netzwerk ostmodern.

2009 wird die Centrum-Galerie, mindestens dreimal so groß wie das einstige Warenhaus, fertiggestellt, ihr Architekt Peter Kulka ist zu diesem Zeitpunkt 72 Jahre alt. Da ich mich dem Gebäudekomplex jetzt nähere, beschäftigt mich sein Name: Abgesehen von den unterschiedlichen Dimensionen erscheint mir die Bezeichnung Warenhaus schlicht und ehrlich: ich weiß, was mich erwartet, wenn ich es betrete (dass es in den eigenwilligen Versorgungslagen in der DDR geschehen konnte, dass man beispielsweise eine Hose kaufen wollte, keine geeignete oder passende fand, dafür aber eine echte Ledertasche, die man mitnahm, auch wenn man sie nicht brauchte, weil nicht sicher war, dass es jemals wieder echte Ledertaschen geben würde, steht auf einem anderen Blatt); während die Galerie etwas behauptet, was sie nicht ist. In Bangladesh oder Rumänien gefertigte Massenprodukte, die hier angeboten werden, haben mit Kunst nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Die einst berühmte Prager Straße, ich gehe sie entlang, unter gestutzten Platanen hindurch, die zwischen den Häuserfronten eingeklemmt wirken, bald erreiche ich die Stelle, wo sie sich zum ersten Mal weitet, einige Stufen führen zu den bereits erwähnten, sittsam schmalen Brunnenbecken hinab, die von mehreren Platanenreihen gesäumt werden, im Hintergrund sprühen 3 kleinere der früher 4 Pusteblumen und Pilze (Brunnen von Leoni Wirth (1935-2012)) ihre feinen Wasserstrahlen in die warme Luft und erfrischen die Passanten.

Dominiert wird die Fußgängerzone hier durch das 250 m lange Wohnhaus auf der linken Seite, ausgeführt in Plattenbauweise und auf Betonstelzen stehend, sowie durch die quer zur Straße angeordneten Hotels zur Rechten. Ich setze mich auf eine Holzbank neben dem ersten Brunnen und stelle beim Blick nach Osten fest, dass die Kronen der Platanen inzwischen hoch genug reichen, um die einförmige Fassade der erwähnten Prager Zeile im unteren Teil zu bedecken und dadurch zu beleben. Ich verweile, um den Ort insgesamt auf mich wirken zu lassen, eines wird dabei deutlich – im Gegensatz zu dem weiträumigen Ensemble der 1970er und 80er Jahre ist die Prager Straße gemütlicher geworden, verbindlicher, sowohl die Gebäude als auch die Bäume und Brunnen stehen jetzt in Beziehung zueinander. Die Geschäfte und Läden allerdings sind hier genauso beliebig und austauschbar wie weiter vorn.

Am Kopfende des langen Wohnhausriegels befindet sich, ebenfalls quer zur Straße, ein Hotelhochhaus, das vor einigen Jahren mit viel Glas dem herrschenden Zeitgeist angepasst worden ist. Bei seiner Errichtung hieß es Hotel Newa, der wenige Meter entfernt stehende Lenin lässt grüßen, dann wandelte es sich zu Mercure-Newa, jetzt, in seiner Glasgestalt, mutierte es zu Pullman. Es bleibt zu hoffen, dass der aktuelle Betreiber ein besserer Arbeitgeber ist als einer seiner Vorgänger: Ich erinnere mich an den Lehrling, der an einem Montagmorgen in der Schule blass und fahrig vor mir stand, da er am Tag zuvor im Hotel eine kalte Abreise erlebt hatte, das bedeutet im Gastronomie-Jargon, dass der Lehrling ein Hotelzimmer betritt, um es sauberzumachen und dabei einen Toten vorfindet. Der Arbeitgeber schickte den verstörten jungen Mann zwar nach Hause, eine psychologische Betreuung hielt er jedoch für unnötig.

„ … Dem Hotel französisch-russischen Namens ist die Haut vom Gesicht gefallen, es wird sich in Zukunft nicht mehr an die Geschichte erinnern, die Geschichte vom Komponisten und dem traurigen Mädchen. So fließen nicht nur die Elbewasser, sondern auch die Straßen, die Häuser, die Bäume. Und wenn mein Rad dann noch anfängt zu erzählen, ist an Stillstand nicht mehr zu denken …“

Ich setze meinen Weg fort, die Bahngleise und der Hauptbahnhof sind längst zu sehen, mein Blick steigt dahinter in die Höhe, eine der goldenen Kuppeln der Russisch-Orthodoxen Kirche blinkt zwischen den dunklen Baumkronen, rechts davon erhebt sich der dominante Observationsturm des Beyerbaus, eines Lehrgebäudes der TU Dresden, östlich erkenne ich die Lukaskirche, deren nach wie vor gekappte Kirchturmspitze noch heute davon zeugt, dass sie 1945 eine Ruine gewesen ist. Hochhäuser in Plattenbauweise, Universitätsgebäude und Baumkronen bestimmen bis zur Räcknitzhöhe das Bild, die Stadt hat sich weit gen Süden ausgedehnt.

Allerdings wende ich mich jetzt nicht in diese Richtung, sondern ich gehe auf den Bahnhof zu, der bei seiner Sanierung 2004 durch den Architekten Sir Norman Forster Glasfasermembrandächer mit Teflonbeschichtung erhalten und deshalb einiges von seiner steinernen Schwere verloren hat.

Ich betrete das Gebäude, ich möchte mich in den Ankömmling hineinversetzen, der erwartungsvoll aus dem ICE steigt, der vielleicht weitgereist und jedenfalls begierig ist, die berühmte Stadt an der Elbe kennenzulernen. Er setzt seinen Fuß auf den Fernbahnsteig, aufmerksam blickt er sich um, das wache Auge entdeckt Bildtafeln auf der nahegelegenen Empore, ja, eine ganze Ausstellung. Seine Neugier ist geweckt, er sucht sich den Weg durch die Haupthalle und eine der breiten Treppen hinauf, alle Pläne für diesen Tag geraten durcheinander, weil er sich dem widmet, was er in den Vitrinen, an den Wänden zu sehen bekommt: eine genaue Darstellung der Ereignisse im Sommer/ Herbst 1989, hier, in Plauen, in Chemnitz und anderen sächsischen Städten. Außerdem sind die Ereignisse, das lernt er jetzt, auch mit diesem Bahnhof verbunden, Anfang Oktober, als Züge mit DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft über Dresden nach Hof fahren und Menschen versuchen aufzuspringen. Der Gast, möglicherweise aus dem Westen des Landes, verweilt lange in dieser Ausstellung, er versteht, wieviel er bisher nicht gewusst und ihn vielleicht auch gar nicht interessiert hat. Da er bewegt ist, möchte er das Gelesene bei einem ruhigen Kaffee verarbeiten, er sucht den Ausgang, dabei stellt er traurig fest, dass man sich als Einkaufsbahnhof feiert – diese seiner Meinung nach unsinnige Kombination ist ihm auf Reisen schon öfter begegnet, genauso wie die Anbieter, an denen er vorbeigeht: Spar, Burger King, Lidl.

Unser Besucher tritt auf den Vorplatz, schaut sich um – und ist enttäuscht, die Stadt an der Elbe empfängt ihn mit dem Üblichen: enge Bebauung, Glas, Stahl. Links erkennt er ein Kugelhaus in seiner Verankerung, das ist immerhin ungewöhnlich, aber warum steht es nicht frei, fragt er sich, wer macht sich die Mühe, ein kugelrundes Haus zu konstruieren, um es dann zu verstecken?

Ansonsten gleitet sein Auge weiter, weder die Architektur noch die Reklamen interessieren ihn, sie sind nicht anders als anderswo. Der Fremde hofft, dass er später an der Elbe mit unverwechselbaren Ein- und Ausblicken belohnt werden wird.

Aber: noblesse oblige, und die Dresdner sind der schönen Straße zu allerhand Rücksichten verpflichtet. Mit Nachdruck müssen sie sich gegen eine Schädigung des Straßenbildes wehren, gegen eine häßliche Reklame wenden, die die Häusergiebel verunziert und die Häuserfronten schändet, sowie auch gegen jene Geschäfte, die mit Ramschwaren und Basarschund das gediegene und künstlerische Gesamtbild der Fensterauslagen verderben.

Ich befinde mich nun auf der Petersburger Straße, jener Magistrale, die parallel zur Fußgängerzone verläuft, das bedeutet, ich laufe nun an der Rückseite der langen Wohnzeile entlang. Im Prinzip lädt hier nichts zum Gehen ein, es ist ein Ort des Verkehrs, vierspurig fahren Autos nach Süden oder Norden, die gelbe Straßenbahn summt auf eigenem Gleisbett dahin. Mit schnellem Schritt laufe ich zu meinem Ziel,  dem UFA-Kristallpalast, dessen Errichtung 1998 mich mit Stolz erfüllt hat. Nein, vielleicht sollte ich eher sagen, dass ich mir damals erstaunt die Augen gerieben habe: Gerade erst war ich nach Dresden zurückgekehrt, nach Studium und ersten Berufsjahren in Potsdam, Ostberlin, Weißenfels hatte ich mein literarisches Schreiben auf der griechischen Insel Hydra vorangetrieben; der Blick von außen auf meine Geburtsstadt war für mich geprägt gewesen von dem Eindruck, dass Dresden sich ausschließlich mit dem Alten, vor allem der Zeit und dem Wirken Augusts des Starken, identifizieren wollte, vielleicht wegen der verordneten Tradition der Arbeiterbewegung in der sozialistischen DDR schien es in der einstigen Residenzstadt eine besondere Sehnsucht nach der monarchischen Vergangenheit zu geben. Aus der Ferne registrierte ich die Auseinandersetzungen um den Architekten Frank Stella und dessen Plan einer modernen Kunsthalle auf dem Gelände An der Herzogin Garten, der 1994 scheiterte, ich registrierte außerdem, dass der Ministerpräsident Biedenkopf (im Volksmund König Kurt) maßgeblich zu diesem Scheitern beigetragen hatte – dass ein wahrhaft innovatives, zukunftsweisendes Gebäude im Zentrum der Stadt entstehen könnte, hatte ich für ausgeschlossen gehalten.

Das Wiener Büro Coop Himmelb(l)au hatte den Wettbewerb gewonnen, es schuf mit diesem Haus nicht einfach nur ein modernes Kino sondern einen multifunktionalen Raum, der unterschiedliche Verbindungen herstellt. Im Betonkörper des zweiteiligen Baus befindet sich das eigentliche Filmtheater mit seinen Sälen, von der Petersburger Straße her betritt man durch den Haupteingang das Foyer, an der schmucklosen Außenwand darüber ist Platz für riesige Plakate. Auf der anderen Seite schließt ein unregelmäßiger, zur Seite geneigter Glaskörper an, der auf 3 Ebenen zum Hereinkommen und Verweilen einlädt. Einst bin ich dieser Einladung oft gefolgt, habe Freunden aus ganz Deutschland voller Stolz den Kristallpalast gezeigt, ohne zu verschweigen, dass er in der Stadt nicht nur Zuspruch sondern auch Ablehnung erfahren hat – bei charaktervoller, ambitionierter Architektur muss das so sein – aber inzwischen habe ich ihn nur noch selten betreten. Das hat nichts mit seiner Gestalt sondern alles mit seinem Inhalt zu tun, immer wenn ich daran vorbeifahre, verraten mir die erwähnten gewaltigen Kinoplakate, dass hier ein UFA-Programm gemacht wird, das mich nicht im Geringsten interessiert. Obwohl in anderer Hand (Cineplex), trifft dies seit einigen Jahren leider ebenfalls für das Rundkino in unmittelbarer Nachbarschaft zu.

1972 eröffnet gehört es zu den eigenwilligen und bedeutenden Nachkriegsbauten in Ostdeutschland, es ist ein Solitär, der bewusst als Kontrast zu den Hotels und zur Prager Zeile geschaffen worden ist, an deren Fußende er sich befindet. Das Gebäude hat einen Durchmesser von 50 Metern, im Erdgeschoss besteht die Fassade rundherum aus Glas, das von poliertem schwarzen Naturstein eingefasst wird, darüber tritt ein umlaufendes Segment von Stahl-Ornamenten hervor. Unter der komplizierten Dachkonstruktion mit radial gespannten Stahlseilen liegt der Saal 1 mit der größten Kinoleinwand Sachsens. Dieser Saal und die ebenerdige Studiobühne sind bis 1989 multifunktional genutzt worden, für Filmvorführungen, Rock- oder Schlagerkonzerte, Jugendweihen, Vorlesungen.

Für mich ist dieser Ort vor allem mit der Erinnerung an die Premiere des Dokumentarfilms … und am Ende das Konzert verbunden, der die Uraufführung der 7. Sinfonie von Mikis Theodorakis erzählt, eines Auftragswerkes der Dresdner Musikfestspiele. Die in den 1980er Jahren enge Bindung des berühmten griechischen Komponisten an Dresden, an sein Dresdner Publikum, ist vor allem dem unermüdlichen Wirken des Musikwissenschaftlers Peter Zacher (1939-2014) zu verdanken gewesen.

Längst handelt es sich beim Rundkino nicht mehr um einen Solitär, es ist von drei Seiten eingebaut worden, sodass es seine architektonische Wirkung kaum mehr zu entfalten vermag. Stattdessen befindet es sich in einer Art Hinterhof und wird damit wie das abgebrochene Centrum-Warenhaus zu einem Symbol: die Metapher vom Hinterhof oder der Fußnote der Geschichte im Zusammenhang mit 40 Jahren DDR ist nach der gesellschaftlichen Umwälzung 1989 oft bemüht worden.

Gedankenschwer kehre ich an den Ausgangspunkt zurück, den Anfang der Prager Straße, ich bin pflastermüde.

„ … Dann schlendre ich weiter, an den vergessenen Spuren der großen Wasser vorbei, und merke, die Akropolis hat sich breit gemacht in meiner Brust. Außerdem vermisse ich die Esel, hier gibt es keine Teppiche, die fliegen. Aber der Turm neigt sich, du hast ihn mir entgegengebogen. Ich lege mir seine Spitze als Kette um den Hals ….“

  • Kursiv gedruckte Passagen sind Zitate bzw. Übernahmen von Johanna Marie Lankau
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