Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Verschleiert

Es ist soweit, in verschiedenen Ländern und Regionen besteht nun die Pflicht, beim Betreten eines Geschäftes, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Arztbesuch, einen Nasen-Mund-Schutz zu tragen. Rein optisch geht damit zweierlei einher: ein großer Teil unseres Gesichtes bleibt bedeckt, wird für den Anderen unsichtbar und wir sind auf den Ausdruck der Augen des Gegenübers angewiesen, um in Kontakt treten zu können. Diese Situation betrifft uns alle, und so kann die Maske, die wir jetzt aufsetzen müssen – medizinisch sinnvoll oder nicht – uns vielleicht eines besonders augenfällig machen: Wir sitzen alle im selben Boot; unsere Individualität tritt dahinter zurück, dass wir vor allem Teil einer ganzen Menschheitsfamilie sind. Und letztlich spielt es dafür keine Rolle, ob wir Angst vor einem Virus und damit vor Krankheit und Tod oder Angst um unsere berufliche Existenz, ob wir Angst vor einer Aushöhlung der Demokratie oder vor dem globalen Kollaps von Wirtschaft und Ökonomie haben – wir sind miteinander verbunden.

Ich bin überzeugt davon, dass die Krise, die wir durch unsere Reaktionen und Maßnahmen auf die rasche Ausbreitung des sogenannten Corona-Virus ausgelöst haben, insofern notwendig war, als das bestehende weltweite System an einem End-, einem Umkehrpunkt angekommen war. Das zunehmende Bewusstsein dafür, dass wir die Natur, die Ressourcen, Menschen und Tiere nicht weiter ausbeuten dürfen, wenn wir uns nicht selbst unserer Lebensgrundlagen berauben wollen, hatte offensichtlich noch nicht ausgereicht, um uns zu wirklichen Veränderungen zu führen, es blieb bei Lippenbekenntnissen und folgenlosen Klimakonferenzen. Jetzt ist die Situation eine andere, die alten Strukturen sind zusammengebrochen – gesellschaftlich, wirtschaftlich, finanzpolitisch, sozial – darin liegt eine große Chance.

Befrage ich die Literatur und Musik, so fühle ich mich einerseits mit dem Dichter und Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) in Resonanz. Gemeinsam mit der Theaterprinzipalin Friederike Karoline Neuber (1697-1760) und anderen setzte sich Lessing dafür ein, dass eine Rückbesinnung auf Aristoteles`Poetik stattfand und dass die sogenannte Ständeklausel abgeschafft wurde; während die Neuberin den (meist derb-zotigen) Hanswurst von der Bühne verbannte, stellte Lessing die Entwicklung seiner bürgerlichen Figuren in den Mittelpunkt und zeigte damit die innovative Kraft des Bürgertums im Gegensatz zum dekadenten Adel, der nicht mehr zeitgemäß war (die Ständeklausel besagte, dass es nur adligen Helden zukam, in Tragödien aufzutreten, bürgerliche Helden gehörten ins Lustspiel, über sie sollte gelacht werden). Und nicht nur das, Lessing war ein Aufklärer, er wandte sich gegen die herrschende Lehrmeinung und stritt für ein Christentum der Vernunft. Die Aufklärung haben wir in den letzten Jahren oft beschworen als die Epoche, in deren Tradition wir bewusst stünden. Und ohne Frage hat diese Zeit viel in Bewegung gebracht, sich des eigenen Verstandes zu bedienen markierte den Schritt heraus aus der unmittelbaren Ver-Haftung in unerklärlichen Naturphänomenen oder gottgegebenen Herrschaftsverhältnissen. Industrialisierung und technischer Fortschritt ließen uns unabhängiger werden, wir konnten Distanz aufbauen, reflektieren, analysieren. Allerdings haben wir diese Entwicklung soweit getrieben, dass wir uns auf allen Ebenen entkoppelt, entfremdet haben – von uns selbst, von unserer Arbeit, von der Natur, der Religion …

Andererseits fühle ich mich – nicht zum ersten Mal – sehr mit E.T.A. Hoffmann (1776-1822), mit Franz Schubert (1797-1828) und Novalis (1772-1801) verbunden: es waren die Künstler und Philosophen der Romantik, die den Widerspruch zwischen dem Mystischen, dem Unerklärlichen, der Nacht und dem Wissenschaftlichen, dem Analytischen, dem Tag besonders wahrnahmen und gestalteten; jetzt haben wir die historische Chance, diesen Widerspruch aufzulösen. Der Philosoph Dr. Wolfgang Zumdick formuliert es so: … Wir stehen vor einem Scherbenhaufen, den uns der eindimensionale kapitalisierte Blick auf den Erdball hinterließ … Hier entsteht die Frage nach einer neuen Synthese, die beides, Romantik und Aufklärung … zulässt und verbindet. Denn beides ist heute wichtiger denn je. In Verbindung treten zu können, ohne sich gleichzeitig in dieser Verbindung zu verlieren, ist das Stichwort der Zeit. (evolve-Magazin für Bewusstsein und Kultur, 26/2020)

Schon seit längerem ist zu beobachten, dass uns die Fähigkeit zur Empathie, dass uns der Respekt vor Andersdenkenden abhanden gekommen zu sein scheint; Diskurse oder Auseinandersetzungen verlaufen oft mit der Grundhaltung: Ich habe recht, und ich argumentiere solange, bis mein Gegenüber das begriffen hat. Mit einer solchen (bewussten oder unbewussten) Grundhaltung berauben wir uns der Möglichkeit zur Weiterentwicklung, wir suchen lediglich die Bestätigung dessen, wovon wir ohnehin schon überzeugt sind. Die Maske, die wir jetzt alle tragen, kann uns daran erinnern, dass es uns sowohl individuell als auch gesellschaftlich weiterbringt, wenn wir uns das russische Sprichwort zu Herzen nehmen: природа дала ңам два уха а только один рот. чтобы мы слушали мңого а говорили мало – Die Natur gab uns zwei Ohren aber nur einen Mund, damit wir viel hören und wenig sprechen.

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