Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Verständnis

Wieder bin ich auf dem Weg in die Schweiz, nach einer problemlosen Nachtfahrt mit mehreren Umstiegen (die einst stets gut gebuchten Nachtzüge von Dresden nach Basel oder Zürich gibt es längst nicht mehr) stehe ich morgens auf einem Bahnsteig in Chur, es nieselt, es ist kalt, ich trinke einen Kaffee. Das Getränk wärmt und stärkt mich von innen, zum ersten Mal spüre ich körperlich und seelisch, wieso in früheren Zeiten Kaffee (und Bier) als Nahrungsmittel behandelt wurden, die Erwachsenen wie Kindern gut taten … Zu meinem Ziel, Vella in der Val Lumnezia, werden mich von hier aus die Rhätische Bahn und der Postbus bringen. Die Rhätische hat in den letzten Jahren begonnen, ihre Wagenflotte zu modernisieren bzw. ganz auszutauschen; eine Veränderung, die mich nicht überzeugt, obwohl angesichts der alten abgetakelten Wagen und auch der stattlichen Fahrpreise der Ruf nach Verbesserung nur zu verständlich gewesen ist. Die entscheidende Frage lautet, in welche Richtung man bei der Produktweiterentwicklung gehen will. Der Bündner Architekt Gion A. Caminada würde wohl sagen: Es geht darum weiterzubauen, damit aus der Verbindung des Alten mit neuen Elementen ein neues Ganzes enstehen kann.

Die modernen Züge präsentieren sich mit großen Fenstern, die nicht geöffnet werden können, die Wagen sind voll klimatisiert, Velofahrer müssen relativ hohe Stufen bewältigen, bevor sie ihr Fahrrad an einem der (zahlreichen) Stellplätze unterbringen können; überall befinden sich Bildschirme, die (Katastrophen-)Nachrichten, Wetter und Werbung in steter Folge darbieten. Das Fahrgefühl in Verbindung mit der außergewöhnlichen Landschaft, bei dem der Fahrtwind ins Gesicht blasen, Berge, Gleiskehren und Viadukte direkt bestaunt oder fotografiert werden können, ist unwiederbringlich verloren. Statt sich auf die Umgebung, auf den Weg einzulassen, kann man sich nun mit dem Surrogat, dem Blick in den Bildschirm, begnügen oder ablenken …

Der Zug, in den ich jetzt Richtung Ilanz steige, gehört zum Glück noch zu den älteren, aber auch hier ist ein Öffnen der Fenster nicht mehr möglich. Also lege ich mein Gesicht immer wieder an die kalte Glasscheibe, um soviel wie möglich von den eigenwilligen weißen Felswänden und freistehenden Felsnadeln des Ruinaulta, der Rheinschlucht, zwischen Reichenau-Tamins und Ilanz sehen zu können. Vormittags 11 Uhr verlasse ich im Lugnez den Postbus, es klart auf, ich gelange trockenen Fußes in das alte Pfarrhaus von Pleif, wo mich die Freunde mit dem großen Herzen begrüßen.

Die nächsten Tage überreichen mir ein Gottesgeschenk, das ich kaum fassen kann: Bereits unmittelbar nach meiner Ankunft wird die weiße Wolkendecke immer lichter, Sonnenstrahlen bahnen sich hindurch, bis schließlich Postkarten-Azur, klar-kühle Luft und Spätsommersonne die lieblichste Verbindung eingehen, die sich denken lässt. Auf meinen Wanderwegen nach Morissen oder über Triel zum See Davos Munts kann ich meist im T-Shirt laufen.

Das Gehen im Angesicht weiß bemützter Gipfel und mit dem Blick über das langgezogene helle Tal (eben das Tal des Lichts) weitet mir die Seele, was nicht einfach nur wohltuend ist, sondern für mich auch Bedingung zum Schreiben. Jeweils in den frühen Morgenstunden kehre ich zurück in die Situationen des Romanmanuskripts, treibe es voran. Eine der Hauptfiguren, Hanna Gefrees, fällt eine wichtige Entscheidung für ihren weiteren beruflichen Weg, bei der sie einige Risiken eingeht und also viel Vertrauen braucht. Mit engem Herzen ist das nicht möglich, für sie nicht und auch nicht für mich als Autorin.

Genauso fordern mich die aktuellen Entwicklungen der Corona-Maßnahmen heraus, ab sofort gilt auch in der Schweiz Maskenpflicht in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln, weitere Einschränkungen bis hin zu einem zweiten völligen Zurückfahren der Wirtschaft und des Lebens drohen. Ich rebelliere gegen die Unverhältnismäßigkeit der Verordnungen, es wird mir angst und bange angesichts einer Machtkonzentration, die parlamentarische Kontrolle erschwert und die demokratische Gewaltenteilung aufhebt; es tut mir weh, Menschen allein auf dem Fahrrad oder im Auto mit Maske zu sehen, ganz zu schweigen vom Leid isolierter Alter und Kranker oder ausgegrenzter Kinder; ich fühle mich so grundsätzlich an das Gefühl der Unfreiheit und der Propaganda zu DDR-Zeiten erinnert.

An einem Abend entspinnt sich zu diesem Thema in der Küche der Freunde eine etwas aufgeregte Diskussion, wobei sich die beiden Seiten, die der Wiener Psychiater Raphael Bonelli durchaus liebevoll als die Freiheitskämpfer und die Gesundheitsapostel charakterisiert, recht deutlich einander gegenüberstehen. Beim Wandern im klaren Gebirge wird mir bewusst, wie nah sich diese beiden scheinbar so gegensätzlichen Positionen eigentlich sind, denn letztlich stehen sich zwei Urängste gegenüber: die Angst vor Ansteckung, vor einer womöglich schweren Krankheit und die Angst vor der Errichtung einer neuen, einer Gesundheitsdiktatur. Und das wirft uns ganz auf unsere eigene Aufgabe zurück: Wir selbst sind verantwortlich für unsere Angst, nur wir sind in der Lage, ihren Wurzeln nachzuspüren, sie zu ergründen und aus ihr herauszutreten. Erst wenn ich aus der Angst herauszutreten vermag, kann ich Vertrauen aufbauen, ermächtige mich selbst und werde zum Akteur statt ein Spielball zu bleiben – wovon auch immer. Der Schritt des Verständnisses auf den Anderen, den Andersdenkenden zu, ist mit diesem Prozess untrennbar verbunden.

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