Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Vertrauen

In diesem Sommer begleiten mich die Erinnerungen an meine großen Poesie-Tankstellen-Reisen 2016-2018 in besonderer Weise, vor allem immer dann, wenn ich mein Fahrrad, das, wie es sich für einen Reisegefährten gehört, auch einen Namen hat, wenn ich also Fabrice für einen weiteren Dresdner Spaziergang ausrüste. Mit der Poesie-Tankstelle in Deutschland und der Schweiz unterwegs zu sein, bedeutete für mich, dass sich immer dann unerwartete und berührende Räume für Begegnung, für Entdeckungen öffnen konnten, wenn ich mich in den Weg, in den Prozess hineinbegab, wenn ich im inneren Vertrauen war, anstatt kontrollieren zu wollen.

Am 26.7.20, dem Tag des 4. Dresdner Spaziergangs auf den Spuren von Schriftstellerinnen, erfasst mich zunächst wieder bange Sorge, den ganzen Vormittag sind die Himmelsschleußen geöffnet, es schüttet. Eingedenk der anfangs erwähnten Erfahrungen gebe ich jedoch meine Sorge ab und vertraue, dass das Richtige geschehen werde.

Als ich losfahre, klart es auf, über der Stadtmitte ist sogar ein bisschen Blau zu sehen und ich hoffe, dass die zum Teil dunklen Wolken direkt über mir einfach weiterziehen werden.

Im kleinen Park auf dem Wettiner Platz, der gemeinsam mit der unter Glas aufgestellten Eingangstür an die Jakobikirche erinnert (nach Plänen Jürgen Krögers 1898-1901 im neoromanischen Stil erbaut, Ruine 1953 gesprengt), bringe ich kurz darauf den Teilnehmern, die sich trotz der zunächst schlechten Wetteraussichten wieder treu eingefunden haben, die Schriftstellerin Annemarie Reinhard (1921-1976) nahe, die durch Jugendbücher, Romane und Erzählungen bekannt geworden ist, wie z.B. In den Sommer hinein (1953) und Flucht aus Hohenwaldau (1970). Sie war mit Martin Andersen Nexö freundschaftlich verbunden und literarisch wie persönlich von Auguste Lazar beeinflusst. Genau wie im Schriftstellerverband der DDR hat sie sich auch in Zirkeln Schreibender Arbeiter engagiert. Jetzt, am Ort der verschwundenen Jakobikirche, lese ich Auszüge aus Reinhards erstem Roman Treibgut (1949), in dem sie das Schicksal zweier Flüchtlingskinder erzählt, die sich in den Nachkriegstagen 1945 allein durchschlagen müssen und auf ihrem abenteuerlichen Weg irgendwann Anschluss an eine Diebesbande finden, die in Dresdens Trümmern haust und ihr Unwesen treibt, vielleicht ganz in der Nähe des Platzes, an dem wir uns gerade befinden …

Danach beginnen wir einen Rundgang durch das Areal des Kraftwerks Mitte, das für mich zu den wichtigen und stimmigen Orten in meiner Heimatstadt zählt: die Industriebauten des einstigen Heizkraftwerks Mitte sind so saniert wurden, dass sie trotz ganz anderer inhaltlicher Nutzung überall ihre Geschichte erzählen können, dazu ist das Ensemble durch moderne Häuser ergänzt worden; heute befinden sich hier 2 Theater, Kino, Probenräume, Museum, Café und Restaurant sowie Akteure der Kunst- und Kreativwirtschaft. Dort, wo das Theater der Jungen Generation zur Zeit seine Sommerspielstätte aufgebaut hat, halten wir inne, ich leite zu meinem Erzählungsband Hinaus in die Heide, zum Fluss (2010) über, denn mit dem darin enthaltenen Geschichtenzyklus Leon hat es eine besondere Bewandtnis. Von unserem Standpunkt aus sehen wir das Schulhaus, in dem ich 13 Jahre lang sowohl Lehrlinge als auch Gymnasiasten und BVJ unterrichtet habe. Im Sommer 2006 beginnt der Abriss des größten Kraftwerkgebäudes, an dessen Stelle sich heute Theater und Staatsoperette befinden. Nebenan werden wir deshalb monatelang beim Unterrichten von Quietschen, Donnern und Rattern begleitet, ich habe den Eindruck, dass sich der gewaltige Eisenträger-Beton-Glas-Bau gegen seinen Untergang wehrt. Eines Tages frage ich die jungen Leute des Deutschkurses, die gerade vor mir sitzen, was sie von diesem Abriss halten würden. Sie antworten übereinstimmend, dass sie ihn bedauerten und dass sie sich eine sinnvolle Nutzung der Anlage gut vorstellen könnten. Als ich von ihnen etwas über diese mögliche Nutzung wissen will, fangen ihre Ideen an zu sprudeln: Skaterbahn, Club, Seniorencafé, Kino und noch einiges mehr schlagen sie vor, dann werden sie still und sagen resigniert: Uns fragt ja eh keiner.

Diese Episode beschäftigt mich sehr, kurze Zeit später beginne ich mit der Niederschrift der ersten Geschichte des oben erwähnten Zyklus‘, ich nenne sie Kraft-Werk und beschreibe darin einen kanadischen Architekten, der nach Dresden kommt, plant und investiert und aus dem alten Industriebau ein Kultur-Kraftwerk macht.

Jetzt lese ich sie nach diesen Erklärungen den Teilnehmern vor, danach gehen wir langsam durch das Gelände zu unserem Ausgangspunkt zurück, wo wir uns noch einmal im Schatten der Bäume niederlassen, weil ich zum Abschluss eine weitere Geschichte aus Leon vortragen will. Danach verabschieden wir uns voneinander, alle machen sich auf den Heimweg, kurz darauf muss ich mir in der Nähe der Marienbrücke eine Linde mit dichter Krone suchen, denn es wird dunkel, Wind kommt auf, dicke Regenseile fallen. Ich hoffe, dass alle Teilnehmer ähnlichen Schutz finden, gleichzeitig bin ich dankbar für den behüteten Ablauf des 4. Spaziergangs …

Heizkraftwerk Mitte, fossil befeuert, in Betrieb von 1895-1994

Abriss des größten Kraftwerksgebäudes: 2006/2007; in den folgenden Jahren gibt es einzelne kulturelle Veranstaltungen im Areal, auch existiert bereits ein Energiemuseum, die meisten Bauten aber verfallen zusehends

Planung und Umbau zu einem kulturellen Standort mitten in Dresden ab 2011

Geschichtenzyklus Leon 2007-2009; veröffentlicht in: Hinaus in die Heide, zum Fluss (Erzählungen), dr.-ziethen-verlag 2010

 

Menü schließen