Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Visionen

Demokratie von unten (Regie: Esther Undisz) heißt eine neue Inszenierung der Bürgerbühne im Kleinen Haus, deren 2. Aufführung ich gestern gesehen habe.

In einer szenischen Lesung stehen Zeitzeugen der evolutionär-revolutionären Ereignisse 1989 in Dresden auf der Bühne, Sozialarbeiter, Theologen, eine Psychotherapeutin, ein einstiger Oberbürgermeister, eine Krankenschwester, ein Schriftsteller, eine Kunsthistorikerin, ein Schauspieler, ein Polizist – sie alle setzen das wohl wichtigste Anliegen des Abends um: zu erinnern, zu gedenken. Für mich schließt diese Veranstaltung eine persönliche Lücke, da ich den gesellschaftlichen Umbruch in Weißenfels erlebt und mitgestaltet habe, nicht in Dresden. Die Berichte der Akteure, die sich im Sommer und vor allem dann in den Herbsttagen 1989 an verschiedenen Orten, in z.T. sehr unterschiedlichen Positionen befunden haben, geben einen berührenden, persönlichen Einblick in den Ablauf der Ereignisse.

Zunächst, Anfang Oktober, steht es immer wieder auf der Kippe, ob die Situation eskalieren wird, Bilder von fliegenden Ziegelsteinen und Wasserwerfern am Hauptbahnhof haben sich im historischen Gedächtnis der Stadt eingeschrieben; Mario Göpfert, Jens Nitsche und Michael Schaarschmidt erzählen in bewegenden Passagen von erlebter physischer und psychischer Gewalt bei ihrer Zuführung, nicht zu reden von den Umständen im berüchtigten Stasigefängnis Bautzen II, in dem sie einige Tage lang festgehalten werden.

Dann jedoch dieser historische Moment, in dem der einsatzleitende Polizist des Sonderkommandos Detlef Pappermann seiner humanistischen Überzeugung folgt und vermittelnd reagiert, als die beiden Kaplane Frank Richter und Andreas Leuschner auf ihn zukommen, in den Raum hinein zwischen die bewaffneten Polizisten und die Demonstranten. Die weitere Entwicklung ist bekannt, die Gruppe der 20 gründet sich, Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer zeigt sich gesprächsbereit, ein Dialogprozess entsteht, der sich schnell durch thematisch arbeitende AG erweitert. Dass dies alles nicht glatt und folgerichtig geschieht, machen die Erinnerungen der Zeitzeugen deutlich, immer wieder braucht es den Mut, das Überwinden der Angst, die Bereitschaft des Einzelnen.

Inhaltlich handelt es sich also um einen wichtigen Abend, was mich allerdings unbefriedigt nach Hause gehen lässt, ist die Inszenierung. Im Willen zu dokumentieren, ist eine statische, textlastige Veranstaltung herausgekommen (nun gut, als szenische Lesung wird sie angekündigt), deren Potential meiner Ansicht nach nicht ausgeschöpft wird. Auch sind hier die zum Teil verwackelten und schwer erkennbaren, historischen Videoaufnahmen oder Fotos, die an die Bühnenrückwand projiziert werden, nicht gerade hilfreich. Ich glaube, das Konzept des So war es hätte öfter verlassen werden sollen, jedenfalls zeigen die beiden Clowns Oda Pretzschner und Daniel Séjourné, die es zum Glück gibt und die mit Körpereinsatz, Witz und Doppelbödigkeit agieren, welche Möglichkeiten zu überhöhen, zu universalisieren, auf den Punkt zu bringen, zu karikieren, zu verdeutlichen … ausgeschöpft werden könnten – mir sind es der Spielebenen an diesem Abend zu wenige.

Beeindruckt hat mich die Musik, die thematisch eingebunden zu hören ist (wunderbar interpretiert von der Psychotherapeutin Silke Körner und Daniel Séjourné), allerdings frage ich mich, warum es englischsprachige Songs sein müssen. Oder ist das ein versteckter Hinweis darauf, dass die einzige gelungene Revolution auf deutschem Boden (Herbert Wagner) ohne ein eigenes Lied vonstatten ging?

Und noch eine Frage beschäftigt mich: Ob es den Zeitzeugen auf der Bühne bewusst ist, wie sehr ihre Beschreibungen des Sommers 1989 unserer heutigen Situation ähneln? Selbstverständlich leben wir nicht in einer Diktatur, aber dieses Grundgefühl, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher, dass wir dringend tiefgreifende Veränderungen in allen Lebensbereichen brauchen (ökologisch, ökonomisch, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich), das erinnert mich sehr an damals.

Es bleibt zu resümieren, dass Demokratie von unten bei allen Einwänden ein nachdenklich stimmender, bewegender Abend ist. Eines allerdings ist mir völlig unverständlich, nämlich der Kartenpreis: 18,- bis 21,- Euro für eine Bürgerbühnen-Inszenierung könnte dafür sorgen, dass das Publikum wegbleibt, das hätten weder das Thema noch das Engagement aller Akteure auf der Bühne verdient.

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