Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Wert

Bei genauer Betrachtung gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Singular und Plural:

Etwas hat einen Wert, zum Beispiel ein Produkt, oder ich messe einer Sache einen bestimmten Wert zu, weil sie mir wichtig ist – ein Kunstwerk, ein Baum, die Flusslandschaft, ein Gebäude … Wann wird etwas wert-voll, hat für mich (und Andere) einen Wert? Die Voraussetzung dafür ist Verbindung, Beziehung:

Bereits Hannah Arendt macht sich in den 1950er Jahren darüber Gedanken in ihrem philosophischen Werk Vita activa oder Vom tätigen Leben, das auf einer Reihe von Vorträgen beruht. Sie schreibt: In ihrem letzten Stadium verwandelt sich die Arbeitsgesellschaft in eine Gesellschaft von Jobholdern, und diese verlangt von denen, die ihr zugehören, kaum mehr als ein automatisches Funktionieren, als sei das Leben des Einzelnen bereits völlig untergetaucht in den Strom des Lebensprozesses, der die Gattung beherrscht, und als bestehe die einzige aktive, individuelle Entscheidung nur noch darin, sich selbst gleichsam loszulassen, seine Individualität aufzugeben, bzw. die Empfindungen zu betäuben, welche noch die Mühe und Not des Lebens registrieren, um dann völlig „beruhigt“ desto besser und reibungsloser „funktionieren“ zu können. Außerdem verweist sie auf den (unheilvollen) Kreislauf von entfremdeter Arbeit und Konsum.

Diese Analysen begegnen mir jetzt bei dem Wirtschaftswissenschaftler und Ökonomen Yanis Varoufakis wieder (The Global Minotaur, London 2015), er stellt fest, dass es, wenn der Anteil des Menschen an der Herstellung eines Produktes immer geringer werde, auch weniger möglich sei, Wert zu produzieren:

The more streamlined and mechanized production gets, the lower the human contribution to its existence becomes and the cheaper it gets. But then the more output that is squeezed from a given amount of human creative input, the less the per-unit value of the output. (S.53)

Eine Entfremdung und Wertlosigkeit bringt die nächste hervor, so, wie der Arbeiter, der Produzent mit dem Ergebnis seiner Arbeit (dem Smartphone, der Hose, dem Auto) kaum oder gar nicht mehr in Beziehung steht, so empfindet der Konsument keine Verbindung mehr mit dem Produkt, das er erwirbt und kauft deshalb bei nächster Gelegenheit ein neues. (Hannah Arendts unheilvoller Kreislauf, der in Fluglinien, die eigens für Shopping-Flüge der Superreichen (z.B. von Moskau nach New York) eingerichtet werden und in der als Shopping-Sucht bekannten Krankheit von meist jungen Menschen kulminiert.)

Die industrielle Revolution, die bis heute mit Fortschritt gleichgesetzt und in Form einer digitalen Revolution weitergeschrieben wird, verleugnet ihre pathologische Seite, die Entfremdung, Vernichtung von Differenzen, Ausbeutung aller Ressourcen sowie Forschung auf Kosten von zu Objekten degradierten Lebewesen beinhaltet. Lässt sich ein solches globales System humanisieren, kann dem Pathologischen entgegengewirkt werden? Selbstverständlich, wir sehen es an unzähligen Initiativen, Strömungen und Bewegungen sowohl im geistig-philosophischen und spirituellen als auch im sozialen, unternehmerischen und landwirtschaftlichen Bereich: Dialog-Kultur, generationenübergreifende Wohngemeinschaften, Stadtgärten als Begegnungsräume, Geomantie, Permakultur … – um nur einige zu nennen.

Karl Marx stellte fest, dass die Anhäufung von Quantitäten irgendwann in eine neue Qualität umschlage. Angesichts der allgemeinen Vermassung des globalen Kapitalismus (die inzwischen auch unser Denken erreicht hat, indem wir glauben, das, was millionenfach konsumiert, geliked, geteilt, angeklickt werde, sei von besonderer Qualität, obwohl doch das Gegenteil der Fall sein muss), angesichts der Vermassung also können wir von diesem Umschlagpunkt nicht mehr weit entfernt sein.

Wie steht es nun aber um den Plural – Werte? Immer wieder gibt es sogenannte Werte-Diskussionen, wir beschwören wahlweise humanistische, abendländische oder christliche Werte. Diese Vergewisserungen sind besonders wichtig, allerdings sollten sie auf flexibler, selbstkritischer Grundlage stattfinden. Gerade weil uns Wert so oft fehlt, weil wir beziehungslos sind in unserem Alltag, weil wir in der Oberfläche stehenbleiben, im Ab-Bild, ist die Auseinandersetzung mit und das Bekenntnis zu Werten nicht einfach. Und es darf nicht mit be-werten oder gar recht-haben einhergehen …

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