Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Winterfrühling

Dies ist der Titel des letzten literarischen Spaziergangs in diesem Jahr, der noch einmal ganz im Zeichen von Johanna Marie Lankau (1866-1921) steht, meiner inspirierenden Dresdner Schriftstellerahnin.

An einem sonnigen Oktobertag, den ich unter seinem azurnen Gewölbe als golden bezeichnen müsste, klänge dies nicht allzu abgenutzt, radle ich quer durch die Stadt hinauf zur Räcknitzer Höhe, wo die Veranstaltung in der Nähe der Endhaltestelle der Straßenbahn beginnen soll. Doch zunächst fahre ich allein die Münzmeisterstraße ins Mockritztal hinab, um die einzelnen Lesestationen so festzulegen, dass sie zum heutigen Tag passen.

Als ich mich direkt am Kaitzbach, in einer zugleich wild-natürlichen und kulturell geprägten Landschaft befinde – uralte Bäume entlang des Bachlaufs, Streuobstwiesen, einzelne Gehöftmauern -, kommt mir ein Ehepaar entgegen, das neugierig auf mein Schild sieht, wir befinden uns schnell im Gespräch, ein älterer Herr, der ebenfalls interessiert stehengeblieben ist, entschließt sich spontan, am Spaziergang teilzunehmen und begibt sich zum von mir bezeichneten Treffpunkt.

Dort habe auch ich selbst noch Zeit, um meine Intuition in mir sprechen zu lassen, wie ich dieses Mal beginnen möchte, welche Informationen wichtig sind, welche Erklärungen. Bald darauf hat sich eine Gruppe unterschiedlichsten Alters versammelt (ein junges Mädchen, Frauen in der Mitte des Lebens, ältere Damen sowie der bereits erwähnte ältere Herr, der der einzige männliche Teilnehmer bleibt und deshalb von den Anderen fröhlich als Hahn-im-Korbe integriert wird, was er mit einem Lächeln quittiert), die ich nun auf die Veranstaltung einstimme. Wie andernorts auch schon, freuen sich die Anwesenden zu hören, dass der Sandstein Verlag Dresden daran interessiert ist, Lankau’s bekanntestes Buch Dresdner Spaziergänge (1912) neu zu verlegen.

Aus diesem lese ich auf halber Höhe, wo sich auf dem Fußweg der Münzmeisterstraße passenderweise eine Bank befindet: Mit dem Wetter ist’s wie mit den Menschen, man muß sie nehmen wie sie sind! Und das Ungewohnte ist auch schön, wenn man sich nämlich daran gewöhnt hat! …

Wir genießen die Literatur in Sonne und laulicher Luft und gehen danach weiter ins Tal hinab. Wie immer bei den Spaziergängen entsteht schnell ein Gefühl der Verbundenheit, Menschen, die sich vorher nicht kannten, kommen beim Laufen ins Gespräch, über das Gehörte, über den Moment, über Gedanken, die in ihnen auftauchen; wir sind spürbar gemeinsam unterwegs. Im Mockritztal führe ich die Teilnehmer zunächst auf einen kleinen Spielplatz mit rustikalen Bänken, direkt am Wasser. So erzählt uns der Kaitzbach … allerhand, eigentlich ziemlich ernsthafte Dinge aus seiner Vergangenheit. Was für ein Prachtkerl er einstmals gewesen ist, wie stark und gesund und mächtig. Noch vor dreißig Jahren tollte er wie ein wilder Junge durch den Großen Garten, zur Schneeschmelze ging’s über Wiesen und Wege, und den alten Eichen und Buchen auf dem Dammwege hat er übermütig den dicken Stamm beklopft. Mit der neuen Zeit kam es anders. Da wurde in den grünen Winkeln Ordnung geschafft …

Dann folgen wir auf einem Uferpfad dem Bachlauf, wir tauchen ein in die bereits beschriebene, vielfältige Landschaft, die nun zusätzlich von lauten Kinderstimmen belebt wird, da sich einige Jungen mit Gummistiefeln im Wasser vergnügen. Hier scheint die nahe Stadt plötzlich weit weg zu sein.

Dann öffnet sich das Tal, wir gelangen zu einer Brücke mit Geländer, an das man sich lehnen kann, denn Bänke gibt es an dieser Stelle nicht, zur Rechten zieht sich der Hang hinauf, der Kaitzer Weinberg heißt und jetzt tatsächlich wieder eine kleine Fläche Weinberg beinhaltet, bewirtschaftet vom Pillnitzer Winzer Volker Kahlert, links gleitet der Blick über hügeliges Feld. Als ich anfange zu lesen, schlüpfen zwei Teilnehmerinnen in ihre Jacken, denn Das geschützte Tal täuschte noch eben den Frühling vor, hier … bläst herber Winterwind. Der kommt von den Vorbergen des Erzgebirges geflogen …

Der Weg zurück auf die Höhe ist steil, aber die Mühe lohnt sich: oben angekommen haben wir klare Fernsicht bis in die Böhmische Schweiz, wir halten alle inne, schweigen und genießen, während ein kleiner Raubvogel (vielleicht ein Milan? Johanna Lankau wüsste das genau!) über uns kreist. Danach finden wir unseren Weg zurück Richtung Ausgangspunkt, das Viertel, durch das wir gehen, zeigt, wie weit sich die Stadt bereits vorgeschoben hat ins Tal, umso dankbarer sind wir über die eben noch am Bachlauf erlebte urige Natur. Zum letzten Mal an diesem Tag erklingt das Wort der Schriftstellerin an einer von hohen Bäumen gesäumten Straßenkreuzung, die Teilnehmer nicken zu ihrer Hoffnung Sei gesegnet, teure Heimaterde, blühe und gedeihe und laß wachsen Liebe und Gerechtigkeit im Lande …

Ich beende den Spaziergang offiziell und ein Hauch Wehmut breitet sich aus, die gerade entstandene Gemeinschaft trennt sich wieder. Aber es bleibt das Unsichtbare, die geteilte Erfahrung, das aktive Miteinander, der gegangene Weg, und in diesem Bewusstsein wünschen sich die Teilnehmer gegenseitig eine gute Winterzeit sowie anschließend einen blühenden Frühling, ehe wir uns dann zum ersten Spaziergang 2023 wiedersehen werden.

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