Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Wohin?

Helle Wintersonnenstrahlen verfangen sich im Tiefgrün meines geschmückten Tannenstraußes und obwohl sich in der Schreibstube zur Zeit an mehreren Stellen Bücher und Recherchematerial stapeln, empfinde ich den Raum am heutigen Morgen klar und bestimmt, fast so, als wollte er mich ermutigen, unbeirrt meinen Gedanken zu folgen. Diese sollen sich in den letzten Stunden des Jahres 2020 ins Unbekannte richten, in jene Gesellschaft nämlich, in der ich leben, die ich mit meinen künstlerischen und kommunikativen Fähigkeiten mitgestalten möchte.

Dazu kann ich nur dort beginnen, wo ich den größten Einfluss habe: bei mir selbst. Noch immer sehe ich mich gefangen in manchem altem Muster, in inneren Fluchtbewegungen, um Schmerzvolles nicht spüren zu können bzw. zu müssen, in Vermeidungsreflexen. Alteingeübtes loszulassen ist schwer, auch wenn es destruktiv ist, ich gegen mich selbst arbeite – es ist doch das vertraute Gelände, in dem ich mich auskenne; wer weiß, was geschieht, wenn ich da heraustrete! Der selbstkritische Blick ist auch dahin nötig, wo ich schuldig geworden bin, wo ich übergriffig und gewaltvoll gehandelt, wo ich andere Menschen verletzt habe. Ich schäme mich, das ist kein angenehmes Gefühl. Aber indem ich mich ehrlich mir selbst stelle, kann ich nun auch milde mit mir sein, kann ich mich er- und anerkennen in allem, was mich ausmacht und prägt.

Abgesehen von einer gesunden Disziplin, sei milde mit dir selbst. Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne. Du hast ein Recht hier zu sein.

Die innere Friedensarbeit weitet sich aus, auf mein familiäres und freundschaftliches Umfeld. Als Wortarbeiterin bin ich besonders hellhörig für gewaltvolle Sprache – ganz gleich, ob offensichtlich oder subtil. Erfahre ich Abwertung von außen, heißt die herausfordernde Aufgabe, nicht in Resonanz zu gehen und zum (verbalen) Gegenschlag auszuholen, sondern zu versuchen, mich respektvoll auseinanderzusetzen.

Über die Mikroebene hinaus stelle ich mir ein gesellschaftliches Zusammenleben vor, das sich auf Achtsamkeit gründet: Dann ist es nicht mehr möglich, dass wir Mitmenschen, Tiere, Bäume, ja die gesamte Natur lediglich als Objekte oder Lieferanten betrachten, sondern wir werden die Verbindung mit ihnen spüren. Und das hat klare Konsequenzen: regionale und ökologische Produktion werden gefördert, Massentierhaltung und Tierversuche sind künftig verboten, ausschließlich genossenschaftliche Organisationsweisen in Wirtschafts- und Finanzwelt sind erlaubt, die Prinzipien der Gemeinwohlökonomie werden umgesetzt, Bildungseinrichtungen dienen zur individuellen Förderung und Selbstermächtigung, das Gesundheitswesen stellt den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit in den Mittelpunkt, ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle wird eingeführt, jede soziale Tätigkeit wird besonders wertgeschätzt, das Berufspolitikertum wird abgeschafft, stattdessen bauen wir das demokratische antike Prinzip auf, es gibt auf keinem Gebiet mehr Stars, dafür genießt derjenige Anerkennung, der sich durch Bescheidenheit, emotionale Intelligenz und uneigennütziges Wirken auszeichnet, in allen Medien finden täglich kontroverse Diskussionen und Debatten statt, bei denen sich niemand ins Wort fällt, jede Nachrichtensendung besteht aus 80% positiver Mitteilungen aus der ganzen Welt …

Diese Vision lässt sich noch viel weiter fortsetzen und je öfter ich sie mir vorstelle und ausmale, desto mehr Realität gewinnt sie. Wir alle, die gesamte Menschheitsfamilie, haben die Wahl zu entscheiden, wie wir leben wollen; bleiben wir in unserem momentanen, vorwiegend destruktiven (westlichen) Weg stecken, dann wird unsere Zeit begrenzt sein. Ich aber wünsche mir, dass noch viele Generationen nach uns die Schönheit des Blauen Planeten erleben werden, dass sie genau wie wir staunend zum Beispiel vor einem umgestürzten Baum stehen, in dessen totem Holz sich zahlreiche Insekten ein Stelldichein geben und aus dem neue Keimlinge wachsen …

Und ob es dir klar ist oder nicht, kein Zweifel, das Universum entfaltet sich wie es soll. Deshalb sei in Frieden mit Gott, wie immer du ihn dir vorstellst, und was immer deine Mühen und Ziele sein mögen in der lärmenden Verwirrtheit des Lebens, halte Frieden mit deiner Seele.

Mit all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist es doch eine schöne Welt. Sei achtsam und versuche, glücklich zu werden.

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