Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Zärtlichkeit

Ich stamme aus einer Familie, in der es über Generationen hinweg wenig Zärtlichkeit, wenig Körperlichkeit und in der es für tiefe Gefühle keine Worte gegeben hat, ein Erbteil wilhelminisch-patriarchaler Erziehung und des entsprechenden Menschenbildes, typisch für unzählige deutsche Familien jener Zeit.

Mein Urgroßvater zum Beispiel, ein jovialer, leutseliger Mann suchte sich immer mal außerehelich sein Plaisir, während die Urgroßmutter an der Nähmaschine saß, aufwendige Kleider für die einzige Tochter schneiderte oder stundenlang den Garten pflegte. Diese einzige Tochter, meine Oma, heiratete im Alter von 22 Jahren den Großvater, nachdem dieser schwer traumatisiert aus dem I. Weltkrieg heimgekehrt war. Selbstverständlich wusste er das nicht, man hatte dankbar zu sein, dass man lebte und körperlich intakt war, um die Seele kümmerte sich niemand. In den insgesamt 53 gemeinsamen Ehejahren bildeten beide jeweils einen eigenen Kosmos, in dem es wenig Berührung mit dem anderen gab: Großvater Max arbeitete als Lehrer, in seiner Freizeit zeichnete, schrieb und malte er am Schreibtisch in der guten Stube, Großmutter Hedwig kochte ein, buk und legte Vorräte an, ihr Hoheitsgebiet war die Küche. Nach dem 1928 geborenen Sohn und einer Totgeburt Anfang der 30er Jahre, über die nie jemand in der Familie sprach, kam meine Mutter als 3. Kind ihrer Eltern zur Welt. Die Ehe, die sie 1961 mit meinem Vater einging, setzte die familiäre Grundkonstellation nicht nur fort, sondern es offenbarte sich schnell eine tiefgehende Bindungsunfähigkeit meiner Mutter, die den Vater letztlich forttrieb. Nach der Scheidung war mir, der Tochter, zum ersten Mal die Erfahrung von Zärtlichkeit vergönnt, und zwar durch die neue Partnerin meines Vaters, die ich folgerichtig fest in mein 9jähriges Kinderherz schloss, solange jedenfalls, bis der Kontakt durch meine Mutter immer mehr erschwert und schließlich ganz unterbunden wurde.

Dann kam endlich der erste Schritt hinaus, ich ging zum Studium nach Potsdam. Hier entstanden Freundschaften und eine gemeinsame Kultur des Umarmens, die ich sehr genoss, hatte ich doch allzulange diesbezüglich gedarbt. Vor allem aber prägte mich in dieser Zeit der Umgang mit den griechischen Freunden. In der kleinen, eingemauerten DDR war es aufregend genug, überhaupt griechische Freunde zu haben, Jannis in Ost-, Thanassis in Westberlin, Pandelis, Vaso und Tasoula in Athen; sie verkörperten für mich den Atem der weiten Welt, die mir unzugänglich war und außerdem sprühte das Zusammensein mit ihnen stets vor zärtlicher Körperlichkeit. Als ich in den 90er Jahren in Griechenland lebte, traf ich diese Zärtlichkeit immer wieder, mit Männern und mit Frauen, und nur ein einziges Mal ging dieser besondere freundschaftliche Umgang schief, indem ein griechischer Mann ihn als erotisches Angebot missdeutete.

Ein Erlebnis mit Thanassis ist mir unvergesslich: Gemeinsam gingen wir in den Palast der Republik, in dem sich eine der wenigen Poststationen befand, von der aus man direkt ins nichtsozialistische Ausland telefonieren konnte. Wieder so ein aufregender Moment, gleich würde ich mit Pandelis im unendlich fernen Athen sprechen können. Die Postbeamtin wies uns eine Fernsprechzelle zu, ich hob ab, wählte und – hatte eine tote Leitung. Natürlich funktionierte es nicht, war doch klar, typisch Osten, ich schmiss den Hörer auf die Gabel, fluchte. Thanassis sah mich mit seinen runden, fast schwarzen Augen an und meinte: Aber Uta, so kann das doch gar nicht gehen! Behutsam hob er ab, streichelte den Hörer, streichelte den Apparat und sagte bezirzend: Liebes Telefon, bitte gib uns jetzt eine Verbindung nach Athen. Er wählte, es klingelte, Pandelis nahm ab …

Seit jener Zeit sind Umarmungen aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken, die seelische Berührung findet ihre Entsprechung im körperlichen Kontakt, Freundschaften habe und pflege ich viele. Manchmal kam es vor, dass Freunde feststellten, ich sei eine begnadete Umarmerin, denn tatsächlich ist das körperliche Einlassen in diesem Moment nicht jedem gegeben, ich aber genieße immer die Zu-Neigung, die sich in Zärtlichkeit und Umarmung ausdrückt. Und ich bin all den griechischen Freunden von Herzen dankbar, dass sie mich einst mit ihrer selbstverständlichen Körperlichkeit geweckt und verwöhnt haben und ganz gewiss werde ich mir diesen Reichtum niemals nehmen lassen, denn er nährt die Seele.

Es lässt sich auch mit Hermann van Veen sagen und singen:

Ich hab ein zärtliches Gefühl/ Für den, der seinen Mund auftut/ Der Gesten gegenüber kühl/ Und brüllt, wenn’s ihm danach zumut’// Ich hab ein zärtliches Gefühl/ Für jede Frau, für jeden Mann/ Für jeden Menschen, wenn er nur/ Vollkommen wehrlos lieben kann

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