Zeitgedanken der Schriftstellerin und Musikerin Uta Hauthal

Zusammenhänge

Ich halte das druckfrische Dresdner Heft 137: Moderne in Dresden. Spurensuche in einer ‚Barockstadt‘ , das heute, 18 Uhr, im Zentrum für Baukultur im Kulturpalast seine Premiere feiern wird, in den Händen. Es vereint Beiträge zu sehr unterschiedlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die mit der Moderne oder eben dem Modernen verbunden sind. Dabei mag dieser Begriff auch heute noch in manchem Dresdner Ohr einen dissonanten Klang haben, wobei es möglicherweise zu einer Eigenart der Stadtbewohner gehört, den empfundenen Gegensatz von Alt und Neu besonders an der Architektur festzumachen (man sieht es schließlich sofort!): alte Gebäude sind schön (und sie sind barock, auch wenn es sich zum Beispiel um die stadtbild(mit-)prägende Kunstakademie (1887-1994, Constantin Lipsius) an der Brühlschen Terrasse handelt), neue Gebäude sind scheußlich und müssen verhindert werden wie die von Frank Stella geplante Kunsthalle (1991/92) auf dem Gelände An der Herzogin Garten in der Nähe des Zwingers oder das Kopfgebäude zur Hauptstraße am Neustädter Markt, das Daniel Libeskind geplant hatte und dessen Umsetzung in den 2000er Jahren an massiven Bürgerprotesten scheiterte.

An der Herzogin Garten blieb für Jahrzehnte eine Brache mitten im Herzen der Stadt, jetzt ist das Areal bebaut worden mit der z. Zt. üblichen Schachtelarchitektur und ihrem mehr oder weniger ausgeprägten Hang zum Exhibitionismus in Gestalt riesiger Glasflächen zum offenen Innenhof, die unser aus der Balance geratenes Verhältnis von privat und öffentlich widerspiegeln: Wie auf dem Bildschirm („Flachbild-Kinoleinwand“) möchte ich die Welt durch meine Fenster präsentiert bekommen, das bedeutet aber gleichzeitig, dass mich der Nachbar vis-à-vis oder gar der Passant auf der Straße ständig beobachten kann (oder soll?), ob ich nun esse, Besuch empfange oder nackt aus dem Bad komme …

Im Dresdner Heft 137 wird die Moderne viel umfassender betrachtet, es geht um die Künstler der Sezessionsgruppe 1919 genauso wie um das Medium Film, es geht um Neue Musik der 1950er bis 1980er Jahre und – selbstverständlich für meine Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts -: die Reformpädagogik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich selbst durfte einen Beitrag zu den Schriftstellerinnen Johanna Marie Lankau (1866-1921), Auguste Lazar (1887-1970), Annemarie Reinhard (1921-1976), Heide Wendland (*1924) und Marianne Bruns (1897-1994), die erst langsam wieder in das kulturelle Gedächtnis der Stadt zurückkehren, beisteuern.

An dieser Stelle möchte ich besonders auf die Einführung von Justus H. Ulbricht Zukunftsraum Dresden – Mehr als ein Vorwort hinweisen, in dem der Historiker und Herausgeber der Dresdner Hefte sich nicht nur sehr differenziert mit dem Begriff der Moderne im Allgemeinen sondern auch dem spezifischen Dresdner Blick auseinandersetzt. Er hebt die emotional tief verankerte(n) Einstellungen gegenüber der eigenen Existenz und der Gesellschaft, in der man lebt (S.6) hervor, die dazu führen können, dass Einheimische ernsthaft behaupten, zu einem echten Dresdner werde man erst in der 3. Generation.

Gerade in Dresden können wir mit dem Verständnis der in unserem Erbgut weitergegebenen Mythen einen wichtigen Beitrag leisten auf der Suche nach Integration in einem verbundenen und verbindlichen Europa, davon bin ich überzeugt, allerdings ist das ein alles andere als einfacher Weg.

Ich erinnere mich, dass ich in den 1970er Jahren mit der festen Überzeugung heranwuchs, in einer besonderen, einer schönen Stadt zu wohnen (und ich sah sie auch so, bereits als Kind), obwohl mich doch tatsächlich – objektiv! – vor allen Dingen Ruinen, leere Flächen, über die der Wind pfiff (wie es Jens Wonneberger in seinem Band Heimatkunde Dresden treffend beschreibt), Neubaugebiete der 1950er/1960er Jahre und Baustellen umgaben; ich hatte das Bild der schönen Stadt in mir, obwohl sie nicht existierte. Genau wie dieser Mythos sind einige andere noch immer höchst virulent, das mag uns gefallen oder nicht, es ist so. Erst wenn wir sie anerkennen als Teil unseres Erbes, werden wir sie überwinden und zu einem natürlichen Selbstverständnis kommen können – dass wir ein Menschenort sind wie jeder andere auch auf diesem Kontinent, dass wir alle das Herz Europas bilden, Melnik, Gallipoli, Grasse, Leiden, Roskilde, Mielec, Lefktro … Dresden.

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