Zwitschern

Mitunter kommen noch Eichelhäher oder Meisen auf meinen Balkon, sie hüpfen hier- und dorthin, picken in der Erde der Töpfe, während die Blumen und Gemüsepflanzen nun zu traurigen, vertrockneten Gestalten werden. Das Blühen des Sommers ist vorbei, genauso wie das unaufhörliche Gezwitscher der Vögel in Aue und Flur.

Vom zyklischen Lauf der Jahreszeiten unbeeindruckt wird dafür ein anderes Zwitschern immer lauter, eines, das mehr und mehr und mehr Raum bekommt. Raum bekommt von wem? Von uns – obwohl wir es besser, viel besser wissen müssten!

Am Anfang war die Entrüstung ja auch groß, als der gerade gewählte amerikanische Präsident Donald Trump sein Misstrauen der Presse gegenüber äußerte, Kontakte abbrach, Interviews verweigerte und fortan nur noch twitterte. Der Grund liegt auf der Hand, auf diese Weise kann der Präsident jederzeit das von sich geben, was er möchte, er behält die absolute Kontrolle über diese Veröffentlichungen und er muss sich nicht bemühen, irgendein Thema tiefgründig zu durchdenken, ein paar knackige Zeilen reichen schließlich.

Vermutlich wäre diese Strategie zum Scheitern verurteilt gewesen, wenn es der übrigen politischen und öffentlichen Welt (und dabei meine ich nicht nur die sogenannte westliche) mit der Verteidigung ihrer demokratischen Grundrechte wie Meinungs- und Pressefreiheit zum Beispiel ernst gewesen wäre, wenn sie darauf bestanden hätte, dass komplexe Fragestellungen mit Zeit und Ruhe aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und diskutiert werden müssten. Stattdessen haben alle ihre Lektion schnell gelernt. Diese Anpassungsleistung, dieser Opportunismus erschreckt mich, schlimmer noch, ich halte ihn für äußerst gefährlich. Das, was Twittern so attraktiv macht, ist offensichtlich die Unmittelbarkeit: Ohne große Verzögerung kann ich etwas verkünden oder auf eine Äußerung reagieren, ich kann meine Überzeugung in Windeseile in die Tasten hacken und hinaussenden – wenn ich es geschickt anstelle, ist mir dabei nicht nur der Zwitscherraum, sondern auch die Aufmerksamkeit der guten alten Tante Presse sicher. Das gepriesene und gepflegte Tempo entlarvt aber eben auch, dass es dabei nicht um eine Auseinandersetzung, gar ein Nachdenken geht, sondern nur um mich, um meine eigene (und selbstverständlich damit die richtige) Sichtweise.

In der Tat sind es zwei Berufsgruppen (bzw. deren Vertreter), denen ich das Gezwitscher im Netz wirklich übelnehme: Dass schon seit geraumer Zeit Weltpolitik via Twitter gemacht wird, ist eine Katastrophe für uns alle, und es braucht keine prophetischen Gaben um zu ahnen, dass daraus womöglich Konflikte entstehen, die wir irgendwann nicht mehr bewältigen könnten. Fast genauso verhängnisvoll finde ich es, wenn Vertreter der langsamen Kunst des Schreibens sich aufgeregt zwitschernd (und flügelschlagend?) zu vielschichtigen Diskursen äußern, wie jüngst geschehen im Zusammenhang mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an den Österreicher Schriftsteller Peter Handke. Es ist nachvollziehbar und verständlich, dass ein Autor wie Saša Stanišić aufgrund seiner Biographie, der familiären Erfahrungen von Angst und Flucht wegen des Bosnienkrieges (1992-1995) eine fragende, eine Haltung des Unverständnisses gegenüber Peter Handke einnimmt, der seinerseits in den 1990er Jahren in Kroatien und der gesamten Region gereist ist, der sich dem allgemeinen Feindbild Serbien entgegengestemmte und in diesem Zusammenhang öffentliche Äußerungen tat, die als Relativierung von Kriegsverbrechen gedeutet werden konnten (allerdings von Handke selbst richtig gestellt wurden). Ganz und gar übelgenommen wurde dem Österreicher, dass er Slobodan Milošević (1941-2006), den wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagten einstigen serbischen Präsidenten, während des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag besuchte und 2006 an seinem Grab eine Rede hielt. Eine Herausforderung auf der ganzen Linie, gewiss, denn Handke bestand darauf, in dem einstigen serbischen Präsidenten den Menschen zu sehen und nicht zuerst den Täter. Ganz abgesehen davon, in welchem Maße Milošević Verantwortung und Schuld nachzuweisen sind (diese Fragen wurden durch das Tribunal nicht abschließend geklärt und durch seinen Tod vorzeitig beendet) – die Beschäftigung mit dem Zerfall der Republik Jugoslawien und allen daran anschließenden Auseinandersetzungen und Kriegen beweist vor allem eines, das immer gilt: es geht um Macht; verschiedene Akteure verfolgen unterschiedliche Ziele – wie wohl immer ausgetragen auf dem Rücken der zivilen Bevölkerung – Gewalt erzeugt Gegengewalt. Wenn Saša Stanišić ehrlich und selbstverantwortlich gewesen wäre, hätte er all diese Fragen, Widersprüche und Widerhaken längst im Gespräch mit Handke selbst besprochen, hätte ihn möglicherweise zur Rede gestellt – und zwar spätestens 2007 oder 2008. Stattdessen lässt er 12 Jahre später in der Öffentlichkeit eine Twitterkanonade los, bei der sich ihm die Zwitscherstimme überschlägt – … Dahinter, so vermute ich, steht auch eine Sehnsucht, die Sehnsucht danach, dass nur Künstler oder überhaupt Menschen geehrt werden mögen (von wem auch immer), die vorbildlich sind, reinen Herzens, ohne Täteranteile. Schon früher habe ich an dieser Stelle festgehalten, dass das ein Märchen- , ein Kinderglaube ist: wir alle tragen unsere Abgründe in uns; es gibt weder weiße Ritter und Helden noch Monster oder gar Bestien, es gibt, wohin man schaut: Menschen.

Und so ganz nebenbei frage ich mich (oder sollte ich das lieber twittern?): Wer ist eigentlich Olga Tokarczuk?

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